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  • Die Meere können nicht mehr: Forscher befürchten einen grundlegenden Wandel der Ozeane

    Die Meere können nicht mehr: Forscher befürchten einen grundlegenden Wandel der Ozeane – selbst bei Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes

    Bremerhaven, 2. Juli 2015. Die Weltmeere brauchen eine sofortige und umfassende Reduktion der Treibhausgas-Emissionen durch den Menschen. Anderenfalls können weiträumige und größtenteils unumkehrbare Schäden im Lebensraum Meer eintreten, von deren Folgen vor allem auch Entwicklungsländer betroffen sein werden. So lautet das Fazit einer neuen Review-Studie, die heute im Fachmagazin Science erscheint. In ihr bewertet das Forscherteam der Ocean 2015-Initiative zum einen die aktuellsten Erkenntnisse zu den Risiken des Klimawandels für die Meere. Zum anderen zeigen die Wissenschaftler auf, wie grundlegend sich die Ökosysteme der Ozeane verändern werden, wenn wir Menschen weiterhin so viel Treibhausgase freisetzen wie bisher.

    Seit vorindustrieller Zeit ist die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre unseres Planeten von 278 auf 400 ppm (parts per million) gestiegen. Ein Plus von 40 Prozent, das in den Ozeanen grundlegende Veränderungen in Gang gesetzt hat. „Die Weltmeere funktionierten bisher als Kühlschrank und Kohlendioxidspeicher unserer Erde. Sie haben zum Beispiel seit den 1970er Jahren rund 93 Prozent der durch den Treibhauseffekt von der Erde zusätzlich aufgenommenen Wärme gespeichert und auf diese Weise die Erwärmung unseres Planeten verlangsamt“, sagt Prof. Hans-Otto Pörtner, Co-Autor der neuen Ocean-2015-Studie und Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

    Für diese Klimaleistung zahlen die Ozeane jedoch schon heute einen hohen Preis: Die Wassertemperatur steigt bis in Tiefen von 700 Metern, weshalb Arten innerhalb eines Jahrzehntes bis zu 400 Kilometer weit Richtung Pol abgewandert sind. Kalkskelette von Korallen und Muscheln können angesichts der zunehmenden Versauerung in vielen Meeresregionen nicht mehr so gut gebildet werden. Das Eis in Grönland und der Westantarktis schmilzt immer stärker und trägt zum Meeresspiegelanstieg bei. Infolge all dessen verändern sich die biologischen, physikalischen und chemischen Abläufe im Lebensraum Meer – und das mit weitreichenden Konsequenzen für das Leben im Meer und für den Menschen.

    In der neuen Studie hat das Forscherteam der Ocean 2015-Initative nun auf Basis zweier Emissionsszenarien (Szenario 1: Erreichen des 2-Grad-Zieles/ Szenario 2: Wir machen weiter wie bisher) die Kernaussagen des 5. Weltklimaberichtes sowie aktueller Fachliteratur zusammengefasst und in Hinblick auf die Risiken für die Ozeane bewertet. „Wenn es gelingt, den Anstieg der Lufttemperatur bis zum Jahr 2100 auf unter zwei Grad Celsius zu beschränken, steigt das Risiko vor allem für tropische Korallen und Muscheln in niedrigen bis mittleren Breiten auf ein kritisches Niveau. Andere Risiken bleiben in diesem Fall eher moderat“, sagt Leitautor Jean-Pierre Gattuso. Für diese bestmögliche Option bedürfe es jedoch einer schnellen und umfassenden Reduktion des Kohlendioxidausstoßes, so der Forscher.

    Bleiben die Kohlendioxid-Emissionen dagegen auf dem derzeitigen Niveau von 36 Gigatonnen pro Jahr (Stand 2013), wird sich die Situation der Meere dramatisch verschärfen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden die Veränderungen bis zum Ende dieses Jahrhunderts nahezu alle Ökoysteme der Ozeane betreffen und den Meereslebewesen nachhaltig Schaden zufügen“, so Hans-Otto Pörtner. Dies wiederum hätte gravierende Auswirkungen auf alle Bereiche, in denen der Mensch den Ozean nutzt – sei es in der Fischerei, im Tourismus oder beim Küstenschutz.

    Die Wissenschaftler geben außerdem zu bedenken, dass mit jedem weiteren Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre die Optionen zum Schutz, zur Anpassung und zur Regeneration der Meere geringer werden. „Der Zustand der Weltmeere liefert schon heute überzeugende Argumente für eine schnelle und umfassende Reduktion des weltweiten Kohlendioxidausstoßes. Jede neue politische Klimavereinbarung, welche das Schicksal der Ozeane außer Acht lässt, kann deshalb von vornherein nur unzureichend sein“, schreiben die Autoren im Schlusswort ihrer Studie.

    Mit diesem Plädoyer zielen die Wissenschaftler auf die internationale Klimakonferenz COP21 ab, die im Dezember dieses Jahres in Paris stattfinden wird. Deren Verhandlungsführern und Entscheidungsträgern geben sie in ihrer Studie folgende vier Kernaussagen mit auf den Weg:

    Die Weltmeere beeinflussen maßgeblich das Klimasystem der Erde und nutzen dem Menschen auf vielerlei wichtige Weise.

    Die Auswirkungen des vom Menschen gemachten Klimawandels auf Schlüsselarten im offenen Ozean und in Küstenregionen sind heute schon nachweisbar. Vielen dieser Tier- und Pflanzenarten drohen in den kommenden Jahrzehnten große Risiken, selbst wenn es gelingt, den Kohlendioxidausstoß zu begrenzen.

    Wir brauchen dringend eine sofortige und umfassende Reduktion des Kohlendioxidausstoßes, wenn wir großflächige und vor allem unumkehrbare Schäden am Lebensraum Meer und an seinen Dienstleistungen für den Menschen verhindern wollen.

    Mit dem Anstieg der Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre sinken die Optionen zum Schutz und zur Regeneration der Meere sowie die Chancen der Lebewesen, sich an die schnell voranschreitenden Veränderungen anzupassen.

    Die Ocean 2015-Initiative war ins Leben gerufen worden, um Entscheidungsträgern der COP21-Verhandlungen umfassende Informationen zur Zukunft der Ozeane zur Verfügung zu stellen. Das internationale Wissenschaftlerteam wird unterstützt durch die Prince Albert II von Monaco Foundation, das Ocean Acidification International Coordination Center of the International Atomic Energy Agency; die BNP Paribas Foundation und die Monégasque Association for Ocean Acidification.

    Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, haben in den zurückliegenden Jahren mit vielen Untersuchungen zum aktuellen Wissensstand beigetragen. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht unter anderem die große Frage: „Wie verändert der Klimawandel die Ökosysteme in den Polarregionen?“

    Hinweise für Redaktionen:

    Eine Zusammenfassung der Review-Studie erscheint in der Science-Ausgabe vom 3. Juli 2015 und trägt den Titel:

    J.-P. Gattuso et al: Contrasting futures for ocean and society from different anthropogenic CO2 emission scenarios, Science 3-July-2015,

    Die Langfassung der Studie finden Sie im Science-Webportal unter: http://www.sciencemag.org/lookup/doi/10.1126/science.aac4722

    Ihr wissenschaftlicher Ansprechpartner ist Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner (E-Mail: Hans.Poertner(at)awi.de).

    Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

  • Antarktische Schwämme - Schnelle Identifizierung mit Gen-Etiketten

    Antarktische Schwämme - Schnelle Identifizierung mit Gen-Etiketten

    LMU-Wissenschaftler haben DNA-Erkennungssequenzen antarktischer Schwämme analysiert und neue Einblicke in deren Artenvielfalt und Evolutionsgeschichte erhalten.

    Antarktische Schwämme sind ein wichtiger Bestandteil der Lebensgemeinschaften am Boden antarktischer Ozeane. Mit ihrem Skelett und ihren zahlreichen Hohlräumen bieten sie vielen anderen Meeresbewohnern Halt und Schutz. „Trotz ihrer großen ökologischen Bedeutung wurden antarktische Schwämme noch nie mithilfe moderner molekularer Methoden untersucht, die eine schnelle und eindeutige Identifizierung zulassen und einen tieferen Einblick in die Evolution ermöglichen“, sagt Professor Gert Wörheide (Lehrstuhl für Paläontologie und Geobiologie der LMU), der mit seinem Team nun erstmals eine umfassende Analyse genetischer Erkennungssequenzen von Schwämmen des antarktischen Rossmeers durchführte. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin PLOS ONE.

    Bisher sind etwa 350 Schwammarten bekannt, die in den Meeren rund um die Antarktis leben. Viele von ihnen sind endemisch, kommen also nur hier vor. Den Anstoß für die Entwicklung so vieler endemischer Arten gab wohl die Isolation der Antarktis, die sich bereits vor 140 Millionen Jahren vom Urkontinent Gondwana abspaltete. Die Abkühlung des Klimas und die Entstehung des kalten Zirkumpolarstroms isolierten die antarktische Flora und Fauna zusätzlich und setzten vermutlich eine weitere Spezialisierung in Gang. „Untersuchungen zur Evolutionsgeschichte und zur Ökologie dieser Schwämme sind bisher dadurch erschwert, dass es nur für zwei Prozent aller antarktischen Schwämme DNA-Daten gibt“, sagt Dr. Sergio Vargas, Erstautor der Studie.

    Tropische Vielfalt in kalten Gewässern

    Wörheides Team hat nun zum ersten Mal ein DNA-Barcoding für antarktische Schwämme durchgeführt. Bei dieser Methode werden kurze DNA-Erkennungssequenzen analysiert, deren Abfolge der Basenpaare analog den Strichcodes auf etwa Lebensmittel-Etiketten eine bestimmte Art charakterisieren, die so eindeutig identifiziert werden kann. DNA-Barcodes erlauben daher eine zuverlässigere und schnellere Identifizierung. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Barcodes liefern zudem Hinweise auf das Verwandtschaftsverhältnis verschiedener Arten.

    Das DNA-Barcoding zeigte, dass antarktische Schwämme höchst vielfältig sind und einen genauso großen Artenreichtum aufweisen wie tropische Schwammgemeinschaften. Die Genanalysen deuten darauf hin, dass sich die Schwämme in der Antarktis weitgehend isoliert entwickelten. Vermutlich haben sie gemeinsame Vorfahren, die zur Zeit des Riesenkontinents Gondwana lebten. Einige Arten antarktischer Schwämme kommen rund um die gesamte Antarktis vor. Über die genetischen Verbindungen zwischen diesen Arten ist bisher fast nichts bekannt. „Unsere Ergebnisse erlauben nun, eine Bibliothek von DNA-Barcodes anzulegen und so vergleichende Studien anzustellen. So können wir untersuchen, ob diese Exemplare tatsächlich zur selben Art gehören, oder ob sie in Wirklichkeit zahlreichen lokalen Arten entstammen“, sagt Wörheide. „Diese Information ist wichtig für den Schutz und das Management der marinen Ressourcen rund um diesen einzigartigen Kontinent, der den Bedrohungen des globalen Klimawandels ausgesetzt ist“.

    Diversity in a Cold Hot-Spot: DNA-Barcoding Reveals Patterns of Evolution among Antarctic Demosponges (Class Demospongiae, Phylum Porifera)
    Sergio Vargas, Michelle Kelly, Kareen Schnabel, Sadie Mills, David Bowden, Gert Wörheide
    PLOS ONE 2015
    DOI: 10.1371/journal.pone.0127573
    http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0127573
    http://www.palaeontologie.geowissenschaften.uni-muenchen.de/personen/lehrstuhlinhaber/woerheide/index.html

  • Europe’s seas: productive, but not healthy or clean

    Europe’s seas: productive, but not healthy or clean

    The European Union’s Blue Growth agenda aims to harness further the potential of Europe’s oceans, seas and coasts for jobs, economic value and sustainability. A new report http://www.eea.europa.eu/publications/state-of-europes-seas published today by the European Environment Agency (EEA) shows that, despite some improvements, the way we use our seas remains unsustainable and threatens not only the productivity of our seas, but also our wellbeing. Human activities and climate change are increasingly putting a number of pressures on Europe’s seas, the cumulative effects of which threaten the functioning and resilience of marine ecosystems.

    In line with the development of the European Union’s (EU) Blue Growth objectives, which aspire to greater and sustainable use of the seas’ potential, the EEA’s new ‘State of Europe’s seas’ report examines whether the EU is meeting its policy goals for the quality of the marine environment.

    From fisheries to offshore energy production, and protection of marine biodiversity, the EU has a range of policies related to planning and regulating the sustainable use of Europe’s seas. The Marine Strategy Framework Directive, adopted in 2008, aims to ensure coherence between such EU policies and sets three goals for Europe’s seas: to be ‘productive’, ‘healthy’, and ‘clean’. Based on the data available, the EEA finds that although Europe’s seas can be considered productive, they cannot be considered healthy or clean.

    The report also looks into describing what ecosystem-based management could mean in the marine context and how to improve our knowledge, as well as considering future challenges in relation to the long-term sustainability of Europe’s seas.
    Pressures on the rise

    Seas are home to a wide variety of marine life and contain ecosystems essential for life on our planet. They are also an important source of food, raw material, medicine, energy, and are used as global highways for trade.

    Only a very limited number of assessments of marine habitats and species indicate favourable conservation status. Current pressures include, among others, physical damage to the seafloor (due to bottom-trawling in particular), introduction of non-indigenous species, nutrient input (mainly from agricultural fertilisers), hazardous substance pollution and marine litter. Climate change induced temperature increases and potential ocean acidification can further weaken the ecological resilience of Europe’s Seas.

    A large part of the pressures arises from activities at sea, such as the extraction and production of living resources (fish, shellfish, etc.), transport and energy production, or pollution such as marine litter. Land-based activities — such as the use of agricultural fertilisers and industrial chemicals, and wastewater — also add to the pressures. Human activities are reaching levels that threaten the productivity and resilience of our seas, and our wellbeing. Degrading the oceans’ life-support function could actually mean crossing a critical planetary boundary.

    ‘We need to respect the ecological boundaries of Europe’s seas if we want to continue enjoying the benefits we receive. This requires aligning our policy ambitions for economic growth with our policy targets of securing healthy, clean and productive seas. Ultimately, this will entail making fundamental changes in the way we meet our societal needs’, said Hans Bruyninckx, EEA Executive Director. ‘Seas are part of our European natural capital and their protection and exploitation require a European approach. In many cases, it also requires a global approach. Our report contributes to the knowledge base needed for relevant policy discussions, currently ongoing at European and global levels,’ added Bruyninckx.
    Selection of facts from the report

    · For species and habitats assessed from 2007 to 2012 under the EU’s Habitats Directive, 9% of marine habitats and 7% of marine species assessments were in ‘favourable conservation status’, while 66% of habitat and 27% of species assessments were ‘unfavourable’.

    · Over 650 marine fish species, over 180 marine bird species, five species of sea turtles and almost 40% of the world’s known marine mammals are found in Europe’s seas.

    · Around 320 new non-indigenous species have been observed in Europe’s seas since 2000.

    · The knowledge base on marine biodiversity remains very limited, calling for greater cooperation among EU countries and with other countries bordering the regional seas of Europe.

    · Climate change is already affecting Europe’s marine ecosystems.

    · Hazardous substances are widespread in the marine environment. They can accumulate through the marine food chain and pose health risks to humans.

    · Marine litter, mainly in the form of plastic, is also accumulating in Europe’s seas. Most of the litter comes from land-based activities. Micro-plastics can enter the food web.

    · Underwater noise from human activities (shipping, renewable energy, oil and gas extraction, etc.) is increasing and can have a wide range of impacts on marine life.

    · Signs of improvement are observed in certain pressures, such as fishing and nutrient loading.

    · More than half of the commercial fish stocks assessed are not in good environmental status.

    · Total catches in all fishing regions have been declining in the past ten years. The EU is increasingly dependent on imports of its most widely consumed species: tuna, cod and salmon.

    · The maritime sector is estimated to provide 6.1 million jobs and to generate an economic value of approximately EUR 467 billion.

    http://www.eea.europa.eu/media/newsreleases/europe2019s-seas-productive-but-not/

  • „Explosive Strände“ Kritik an Umgang mit Weltkriegsmunition in Mecklenburg-Vorpommern

    Experte: „Explosive Strände“
    Kritik an Umgang mit Weltkriegsmunition in Mecklenburg-Vorpommern

    Koblenz / Sandstedt / Emsdetten, den 22. Juni 2015

    „Die aktuellen Munitionsprobleme an den Stränden von Mecklenburg-Vorpommern sind größtenteils selbst verschuldet“: Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung, die der angesehene Koblenzer Experte Stefan Nehring jetzt gemeinsam mit dem „Förderkreis WATERKANT e. V.“ vorgelegt hat.

    Mehr als zwei Wochen wurden im Ostseebad Boltenhagen Teile des Strandes nach alten Munitionsresten durchsucht. Diverse detonationsfähige Kampfmittel konnten die Räumexperten sicherstellen. Woher die Munition im Sand stammt, darüber herrscht im Land Uneinigkeit. Fest steht, dass der Strand von Boltenhagen 2013 mit aufgespültem Sand verbreitert wurde. Entnommen wurde er aus einem Gebiet in der Ostsee: dem „Trollegrund“ vor Kühlungsborn.

    Nach Ansicht von Nehring und WATERKANT hätte das nie geschehen dürfen: „Die zuständigen Behörden scheinen ihre eigenen Vorschriften nicht zu kennen.“ Denn das Schweriner Umweltministerium hatte schon im Mai 2012 die „Richtlinie Marine Aufspülsande“ in Kraft gesetzt: Danach sind so genannte Munitionsverdachtsverflächen von vornherein als Entnahmegebiete für Sandgewinnung ausgeschlossen. „Trollegrund“ gilt seit 1979 offiziell als „munitionsverseucht“ und wurde im Jahr 2000 in das Kampfmittelkataster Mecklenburg-Vorpommerns aufgenommen. Durch Sieben und magnetisches Kontrollieren des Sandes kann das Verbot auch nicht umgangen werden, denn ein derartiges Verfahren dient laut Richtlinie ausschließlich der vorsorglichen Kontrolle von zu förderndem Sand aus munitionsfreien Lagerstätten.

    „Durch anhaltende Missachtung der eigenen Vorgaben werden nicht nur Strandbesucher akut gefährdet, sondern verdoppeln sich fast die Kosten für den Küstenschutz“, mahnen Nehring und WATERKANT. Schon 1997 und 2014 habe auch der Strand von Rerik – nach Aufspülungen mit Sand aus „Trollegrund“ – aufwändig und kostspielig von Munition geräumt werden müssen.

    Als unverständlich bezeichnen Nehring und WATERKANT auch das aktuelle Sicherheitskonzept für Boltenhagen. Obwohl dort schon Ende 2014 gefährliche Kampfmittel gefunden wurden, sei keine Sperrung des betroffenen Strandabschnitts erfolgt. Auch während der aktuellen Räumung sei jeweils nur der gerade durchsuchte Teilabschnitt gesperrt worden. Nehring, der den Strand erst kürzlich besucht hatte, empört sich: „Die Sicherheit von Strandbesuchern scheint in Boltenhagen offensichtlich keine Priorität zu haben.“
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    Die Untersuchung steht als PDF unter http://www.waterkant.info/?page_id=3719 zum Download zur Verfügung. In gedruckter Form erscheint sie Ende Juni 2015 in der vom Förderkreis WATERKANT herausgegebenen gleichnamigen Zeitschrift; kostenlose Ansichtsexemplare können bei redaktion@waterkant.info angefordert werden.

    Direkter Kontakt zu Dr. Stefan Nehring: stefan-nehring@web.de — Telefon: 0261 - 133 03 98

    Die Zeitschrift WATERKANT ist ein nicht-kommerzielles Projekt, das von einem als gemeinnützig anerkannten Verein herausgegeben und – außer in technischen Bereichen – von unbezahlt tätigen Engagierten erarbeitet wird. “.

    WATERKANT [ ISSN 1611-1583 ]
    im 30. Jahrgang Zeitschrift für
    Umwelt + Mensch + Arbeit in der Nordseeregion

    herausgegeben vom »Förderkreis WATERKANT« e. V.
    (als gemeinnützig anerkannt)
    D-48282 Emsdetten

    Kontakte zur Redaktion
    Postanschrift:
    Offenwardener Strasse 6
    D-27628 Sandstedt / Unterweser
    Telefon: +49 - (0) 4702 - 92 00 94

    Web: www.waterkant.info

  • Strafzahlunen in Rekordhöhe gegen illegale Fischerei

    VERHÄNGUNG VON STRAFZAHLUNGEN IN REKORDHÖHE GEGEN NUTZNIESSER ILLEGALER FISCHEREI

    Appell an die EU-Länder, dem Beispiel Spaniens zu folgen, Maßnahmen gegen illegale Fischerei zu ergreifen

    Madrid: Die spanische Regierung hat heute[1] angekündigt, dass die Verhängung von Strafzahlungen gegen spanische Staatsangehörige und Unternehmen, die in illegale, nicht gemeldete und nicht regulierte Fischerei (IUU) verwickelt sind, eine Höhe von über 11 Millionen Euro erreichen können.

    Eine EU-weite Koalition aus internationalen Nichtregierungsorganisationen, darunter die Environmental Justice Foundation und Oceana, bezeichnete dies als historischen Meilenstein im Kampf gegen IUU-Fischerei und forderte andere EU-Mitgliedsstaaten auf, ihrerseits Maßnahmen gegen Staatsangehörige zu ergreifen, die in illegale Fischerei verwickelten sind.

    Bei der Strafzahlung handelt es sich um die höchste Geldstrafe, die je von einer EU-Regierung[2] verhängt wurde. Sie richtet sich gegen Unternehmen und Einzelpersonen in 19 Fällen, die mit illegalen Fischereiaktivitäten im Südpolarmeer in Zusammenhang gebracht werden. Sämtliche Unternehmen stehen mit einem galizischen Konsortium in Verbindung, das unter dem Verdacht steht, seit mehr als einem Jahrzehnt in den antarktischen Gewässern illegal nach Schwarzem Seehecht zu fischen.

    Maria Jose Cornax, Managerin der Fischereikampagnen bei Oceana, begrüßte die Ankündigung: „Dies ist die höchste bekannte Sanktion und die erste, die in dieser Form im Zusammenhang mit IUU-Fischerei in der Europäischen Union verhängt wurde. Die heutige Ankündigung sendet eine klare Warnung an diejenigen, die sich bislang im Schatten anonymer Briefkastenfirmen in Übersee-Häfen unter Billigflaggen in Sicherheit wähnten. Die wirtschaftliche Bereicherung durch IUU-Fischerei wird künftig für keinen EU-Bürger geduldet werden.“

    Die Geldstrafen sind das Resultat der „Operation Sparrow“, einer Razzia in den Büros von Fischereiunternehmen, die die spanischen Behörden auf der Suche nach Beweisen für die Verbindungen zur IUU-Fischerei durchgeführt haben. Im Rahmen der Operation wurden mehr als 3.000 Dokumente sichergestellt und ausgewertet. Dabei wurden eindeutige Beweise gegen Unternehmen, die Kunlun[3], Yongding[4], Songhua[5] und Tiantai[6] besitzen, vier international auf der schwarzen Liste geführten Fischereifahrzeuge, gefunden. Die genannten Schiffe wurden Anfang des Jahres durch die australischen und neuseeländischen Behörden der illegalen Fischerei überführt. Kunlun wurde festgesetzt, als es im März[7] versuchte, seinen illegalen Fang in Phuket (Thailand) anzulanden. Songhua und Yongding[8] wurden im Mai in Mindelo (Kap Verde) festgehalten. Tiantai sank im März 2014[9].

    Die Wirkung der Strafzahlungen ist besonders weitreichend, denn sie trifft sowohl jene, die wirtschaftlichen Nutzen aus illegaler Fischerei ziehen, als auch solche, die direkt in illegale Fischereiaktivitäten verwickelt sind.

    „Der starke politische Wille macht deutlich, dass die IUU-Verordnung der EU ein wirksames Instrument im Kampf gegen illegale Fischerei ist. Nun muss die Verordnung in allen EU-Mitgliedsstaaten vollständig umgesetzt werden, damit sichergestellt wird, dass kein EU-Bürger sich an illegalen Fischereiaktivitäten innerhalb oder außerhalb seiner Staatsgrenzen beteiligen kann. Weltweit betrachtet müssen auch andere wichtige Fischereinationen bzw. Märkte für Fischereierzeugnisse ihren gesetzlichen Rahmen stärken und mit der EU zusammenarbeiten, um das Fischerei-Management zu verbessern und der illegalen Fischerei ein Ende zu setzen“, so die Koalition.

    [1] http://www.magrama.gob.es/es/prensa/ultimas-noticias/detalle-multimedia.aspx?tcm=tcm:7-386475-16

    [2] http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/STUD/2014/529069/IPOL_STU%282014%29529069_EN.pdf

    [3] https://www.ccamlr.org/es/node/85952

    [4] https://www.ccamlr.org/en/node/85959

    [5] https://www.ccamlr.org/node/85906

    [6] http://www.ccamlr.org/es/node/80663

    [7] http://www.minister.immi.gov.au/peterdutton/2015/Pages/thailand-detains-illegal-vessel.aspx

    [8] http://home.nzcity.co.nz/news/article.aspx?id=207185&fm=newsmain%2Cnrhl

    [9] http://www.news.odin.tc/index.php?page=view/article/1349/Reefer-Keshan-or-Tiantai-disappeared-in-the-Antarctic

  • LAUDATO SI’ - ÜBER DIE SORGE FÜR DAS GEMEINSAME HAUS

    LAUDATO SI’ - ÜBER DIE SORGE FÜR DAS GEMEINSAME HAUS

    1. “Laudato si’, mi’ Signore – Gelobt seist du, mein Herr”, sang der heilige Franziskus von Assisi. In diesem schönen Lobgesang erinnerte er uns daran, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt: “Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.”[1]

    2. Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat. Wir sind in dem Gedanken aufgewachsen, dass wir ihre Eigentümer und Herrscher seien, berechtigt, sie auszuplündern. Die Gewalt des von der Sünde verletzten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken. Darum befindet sich unter den am meisten verwahrlosten und misshandelten Armen diese unsere unterdrückte und verwüstete Erde, die „seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22). Wir vergessen, dass wir selber Erde sind (vgl. Gen 2,7). Unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet; seine Luft ist es, die uns den Atem gibt, und sein Wasser belebt und erquickt uns.

    Nichts von dieser Welt ist für uns gleichgültig

    3. Vor mehr als fünfzig Jahren, als die Welt am Rand eines Nuklearkrieges stand, schrieb der heilige Papst Johannes XXIII. eine Enzyklika, in der er sich nicht damit begnügte, einen Krieg abzulehnen, sondern einen Vorschlag für den Frieden unterbreiten wollte. Er richtete seine Botschaft Pacem in terris an die gesamte „katholische Welt“, fügte aber hinzu: „und an alle Menschen guten Willens“. Angesichts der weltweiten Umweltschäden möchte ich mich jetzt an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt. In meinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium schrieb ich an die Mitglieder der Kirche, um einen immer noch ausstehenden Reformprozess in Gang zu setzen. In dieser Enzyklika möchte ich in Bezug auf unser gemeinsames Haus in besonderer Weise mit allen ins Gespräch kommen.

    4. Acht Jahre nach Pacem in terris sprach der selige Papst Paul VI. 1971 die ökologische Problematik an, indem er sie als eine Krise vorstellte, die „eine dramatische Folge“ der unkontrollierten Tätigkeit des Menschen ist. „Infolge einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur läuft er Gefahr, sie zu zerstören und selbst Opfer dieser Zerstörung zu werden.“[2] Auch vor der FAO sprach er von der Möglichkeit einer „ökologischen Katastrophe als Konsequenz der Auswirkungen der Industriegesellschaft“ und betonte „die Dringlichkeit und die Notwendigkeit eines radikalen Wandels im Verhalten der Menschheit“, denn „die außerordentlichsten wissenschaftlichen Fortschritte, die erstaunlichsten technischen Meisterleistungen, das wunderbarste Wirtschaftswachstum wenden sich, wenn sie nicht von einem echten sozialen und moralischen Fortschritt begleitet sind, letztlich gegen den Menschen.“[3]

    5. Der heilige Johannes Paul II. widmete sich diesem Thema mit zunehmendem Interesse. In seiner ersten Enzyklika bemerkte er: „Der Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen Umwelt wahrzunehmen, als allein jene, die den Zwecken eines unmittelbaren Gebrauchs und Verbrauchs dient.“[4] Später rief er zu einer weltweiten ökologischen Umkehr auf.[5] Doch zugleich wies er darauf hin, dass man sich viel zu wenig „für die Wahrung der moralischen Bedingungen einer glaubwürdigen »Humanökologie«“ engagiert.[6] Die Zerstörung der menschlichen Umwelt ist etwas sehr Ernstes, denn Gott vertraute dem Menschen nicht nur die Welt an, sondern sein Leben selbst ist ein Geschenk, das vor verschiedenen Formen des Niedergangs geschützt werden muss. Alle Bestrebungen, die Welt zu hüten und zu verbessern, setzen vor allem voraus, „dass sich die Lebensweisen, die Modelle von Produktion und Konsum und die verfestigten Machtstrukturen [von Grund auf] ändern, die heute die Gesellschaften beherrschen“.[7] Die echte menschliche Entwicklung ist moralischer Art und setzt die vollkommene Achtung gegenüber der menschlichen Person voraus, muss aber auch auf die Welt der Natur achten und „der Natur eines jeden Wesens und seiner Wechselbeziehung in einem geordneten System […] Rechnung tragen“.[8] Daher muss sich die Fähigkeit des Menschen, die Wirklichkeit umzugestalten, auf der Grundlage der ersten Ur-Schenkung der Dinge von Seiten Gottes entwickeln.[9]

    6. Mein Vorgänger Benedikt XVI. erneuerte die Aufforderung, „die strukturellen Ursachen der Fehlfunktionen der Weltwirtschaft zu beseitigen und die Wachstumsmodelle zu korrigieren, die allem Anschein nach ungeeignet sind, den Respekt vor der Umwelt […] zu garantieren“.[10] Er erinnerte daran, dass die Welt nicht analysiert werden kann, indem man nur einen ihrer Aspekte isoliert betrachtet, denn „das Buch der Natur ist eines und unteilbar“ und schließt unter anderem die Umwelt, das Leben, die Sexualität, die Familie und die sozialen Beziehungen ein. Folglich hängt „die Beschädigung der Natur […] eng mit der Kultur zusammen, die das menschliche Zusammenleben gestaltet“.[11] Papst Benedikt XVI. legte uns nahe anzuerkennen, dass die natürliche Umwelt voller Wunden ist, die durch unser unverantwortliches Verhalten hervorgerufen sind. Auch die soziale Umwelt hat ihre Verwundungen. Doch sie alle sind letztlich auf dasselbe Übel zurückzuführen, nämlich auf die Idee, dass es keine unbestreitbaren Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken, und deshalb der menschlichen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind. Man vergisst, dass „der Mensch […] nicht nur sich selbst machende Freiheit [ist]. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur“.[12] Mit väterlicher Sorge lud er uns ein zu erkennen, dass die Schöpfung geschädigt wird, „wo wir selbst die letzten Instanzen sind, wo das Ganze uns einfach gehört und wir es für uns verbrauchen. Und der Verbrauch der Schöpfung setzt dort ein, wo wir keine Instanz mehr über uns haben, sondern nur noch uns selber wollen“.[13]

    Vereint in ein und derselben Sorge

    7. Diese Beiträge der Päpste greifen die Überlegung unzähliger Wissenschaftler, Philosophen, Theologen und sozialer Organisationen auf, welche das Denken der Kirche über diese Fragen bereichert haben. Wir dürfen aber nicht übersehen, dass auch außerhalb der katholischen Kirche andere Kirchen und christliche Gemeinschaften – wie auch andere Religionen – eine weitgehende Sorge und eine wertvolle Reflexion über diese Themen, die uns alle beunruhigen, entwickelt haben. Um nur ein bemerkenswertes Beispiel zu bringen, möchte ich kurz einen Teil des Beitrags des geschätzten Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus aufgreifen, mit dem wir die Hoffnung auf die volle kirchliche Einheit teilen.

    8. Patriarch Bartholomäus hat besonders von der Notwendigkeit gesprochen, dass jeder Einzelne die eigene Weise, dem Planeten zu schaden, bereut, denn „insofern wir alle kleine ökologische Schäden verursachen“, sind wir aufgerufen, „unseren kleineren oder größeren Beitrag zur Verunstaltung und Zerstörung der Schöpfung“[14] anzuerkennen. Zu diesem Punkt hat er sich wiederholt mit starken und anregenden Worten geäußert und uns aufgefordert, die Sünden gegen die Schöpfung einzugestehen: „Dass Menschen die biologische Vielfalt in der göttlichen Schöpfung zerstören; dass Menschen die Unversehrtheit der Erde zerstören, indem sie Klimawandel verursachen, indem sie die Erde von ihren natürlichen Wäldern entblößen oder ihre Feuchtgebiete zerstören; dass Menschen anderen Menschen Schaden zufügen und sie krank machen, indem sie die Gewässer der Erde, ihren Boden und ihre Luft mit giftigen Substanzen verschmutzen – all das sind Sünden.“[15] Denn „ein Verbrechen gegen die Natur zu begehen, ist eine Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott.“ [16]

    9. Zugleich machte Bartholomäus auf die ethischen und spirituellen Wurzeln der Umweltprobleme aufmerksam, die uns auffordern, Lösungen nicht nur in der Technik zu suchen, sondern auch in einer Veränderung des Menschen, denn andernfalls würden wir nur die Symptome bekämpfen. Er schlug uns vor, vom Konsum zum Opfer, von der Habgier zur Freigebigkeit, von der Verschwendung zur Fähigkeit des Teilens überzugehen, in einer Askese, die „bedeutet, geben zu lernen und nicht bloß aufzugeben. Es ist eine Weise des Liebens, schrittweise von dem, was ich möchte, zu dem überzugehen, was Gottes Welt nötig hat. Es ist eine Befreiung von Ängstlichkeit, Habgier und Zwang“.[17] Wir Christen sind außerdem berufen, „die Welt als ein Sakrament der Gemeinschaft anzunehmen, als ein Mittel, mit Gott und unserem Nächsten auf globaler Ebene zu teilen. Es ist unsere bescheidene Überzeugung, dass das Göttliche und das Menschliche einander begegnen in den kleinsten Details des nahtlosen Gewandes der Schöpfung Gottes, sogar im winzigsten Staubkorn unseres Planeten.“[18]

    Der heilige Franziskus von Assisi

    10. Ich möchte diese Enzyklika nicht weiterentwickeln, ohne auf ein schönes Vorbild einzugehen, das uns anspornen kann. Ich nahm seinen Namen an als eine Art Leitbild und als eine Inspiration im Moment meiner Wahl zum Bischof von Rom. Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist. Er ist der heilige Patron all derer, die im Bereich der Ökologie forschen und arbeiten, und wird auch von vielen Nichtchristen geliebt. Er zeigte eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber der Schöpfung Gottes und gegenüber den Ärmsten und den Einsamsten. Er liebte die Fröhlichkeit und war wegen seines Frohsinns, seiner großzügigen Hingabe und seines weiten Herzens beliebt. Er war ein Mystiker und ein Pilger, der in Einfachheit und in einer wunderbaren Harmonie mit Gott, mit den anderen, mit der Natur und mit sich selbst lebte. An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind.

    11. Sein Zeugnis zeigt uns auch, dass eine ganzheitliche Ökologie eine Offenheit gegenüber Kategorien verlangt, die über die Sprache der Mathematik oder der Biologie hinausgehen und uns mit dem Eigentlichen des Menschen verbinden. Wie es uns geht, wenn wir uns in einen Menschen verlieben, so war jedes Mal, wenn er die Sonne, den Mond oder die kleinsten Tiere bewunderte, seine Reaktion die, zu singen und die anderen Geschöpfe in sein Lob einzubeziehen. Er trat mit der gesamten Schöpfung in Verbindung und predigte sogar den Blumen „und lud sie zum Lob des Herrn ein, wie wenn sie vernunftbegabte Wesen wären“.[19] Seine Reaktion war weit mehr als eine intellektuelle Bewertung oder ein wirtschaftliches Kalkül, denn für ihn war jedes Geschöpf eine Schwester oder ein Bruder, ihm verbunden durch die Bande zärtlicher Liebe. Deshalb fühlte er sich berufen, alles zu hüten, was existiert. Sein Jünger, der heilige Bonaventura, erzählte: „Eingedenk dessen, dass alle Geschöpfe ihren letzten Ursprung in Gott haben, war er von noch überschwänglicherer Zuneigung zu ihnen erfüllt. Auch die kleinsten Geschöpfe nannte er deshalb Bruder und Schwester.“[20] Diese Überzeugung darf nicht als irrationaler Romantizismus herabgewürdigt werden, denn sie hat Konsequenzen für die Optionen, die unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen. Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.

    12. Andererseits legt der heilige Franziskus uns in Treue zur Heiligen Schrift nahe, die Natur als ein prächtiges Buch zu erkennen, in dem Gott zu uns spricht und einen Abglanz seiner Schönheit und Güte aufscheinen lässt: „Von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen“ (Weish 13,5), und „seine unsichtbare Wirklichkeit [wird] an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit“ (Röm 1,20). Deshalb forderte Franziskus, im Konvent immer einen Teil des Gartens unbebaut zu lassen, damit dort die wilden Kräuter wüchsen und die, welche sie bewunderten, ihren Blick zu Gott, dem Schöpfer solcher Schönheit erheben könnten.[21] Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten.

    Mein Aufruf

    13. Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen, denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können. Der Schöpfer verlässt uns nicht, niemals macht er in seinem Plan der Liebe einen Rückzieher, noch reut es ihn, uns erschaffen zu haben. Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen. Ich möchte allen, die in den verschiedensten Bereichen menschlichen Handelns daran arbeiten, den Schutz des Hauses, das wir miteinander teilen, zu gewährleisten, meine Anerkennung, meine Ermutigung und meinen Dank aussprechen. Besonderen Dank verdienen die, welche mit Nachdruck darum ringen, die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung im Leben der Ärmsten der Welt zu lösen. Die jungen Menschen verlangen von uns eine Veränderung. Sie fragen sich, wie es möglich ist, den Aufbau einer besseren Zukunft anzustreben, ohne an die Umweltkrise und an die Leiden der Ausgeschlossenen zu denken.

    14. Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle. Die weltweite ökologische Bewegung hat bereits einen langen und ereignisreichen Weg zurückgelegt und zahlreiche Bürgerverbände hervorgebracht, die der Sensibilisierung dienen. Leider pflegen viele Anstrengungen, konkrete Lösungen für die Umweltkrise zu suchen, vergeblich zu sein, nicht allein wegen der Ablehnung der Machthaber, sondern auch wegen der Interessenlosigkeit der anderen. Die Haltungen, welche – selbst unter den Gläubigen – die Lösungswege blockieren, reichen von der Leugnung des Problems bis zur Gleichgültigkeit, zur bequemen Resignation oder zum blinden Vertrauen auf die technischen Lösungen. Wir brauchen eine neue universale Solidarität. Wie die Bischöfe Südafrikas sagten, „bedarf es der Talente und des Engagements aller, um den durch den menschlichen Missbrauch der Schöpfung Gottes angerichteten Schaden wieder gutzumachen“.[22] Alle können wir als Werkzeuge Gottes an der Bewahrung der Schöpfung mitarbeiten, ein jeder von seiner Kultur, seiner Erfahrung, seinen Initiativen und seinen Fähigkeiten aus.

    15. Ich hoffe, dass diese Enzyklika, die sich an die Soziallehre der Kirche anschließt, uns hilft, die Größe, die Dringlichkeit und die Schönheit der Herausforderung zu erkennen, die vor uns steht. An erster Stelle werde ich unter bestimmten Aspekten einen kurzen Überblick über die aktuelle ökologische Krise geben, zu dem Zweck, die besten Ergebnisse des heutigen Stands der wissenschaftlichen Forschung zu übernehmen, uns davon zutiefst anrühren zu lassen und dem dann folgenden ethischen und geistlichen Weg eine Basis der Konkretheit zu verleihen. Aus dieser Perspektive werde ich einige Hinweise aufgreifen, die sich aus der jüdisch-christlichen Überlieferung ergeben, in der Absicht, unserem Engagement für die Umwelt eine größere Kohärenz zu verleihen. Dann werde ich versuchen, zu den Wurzeln der gegenwärtigen Situation vorzudringen, so dass wir nicht nur die Symptome betrachten, sondern auch die tiefsten Ursachen. Auf diese Weise können wir eine Ökologie vorschlagen, die in ihren verschiedenen Dimensionen den besonderen Ort des Menschen in dieser Welt und seine Beziehungen zu der ihn umgebenden Wirklichkeit einbezieht. Im Licht dieser Überlegung möchte ich fortfahren mit einigen ausführlichen Leitlinien für Dialog und Aktion, die sowohl jeden von uns als auch die internationale Politik betreffen. Und da ich überzeugt bin, dass für jede Veränderung Beweggründe und ein erzieherischer Weg nötig sind, werde ich schließlich einige Leitlinien zur menschlichen Reifung vorschlagen, die von dem Schatz der christlichen spirituellen Erfahrung inspiriert sind.

    16. Obwohl jedes Kapitel seine eigene Thematik und eine spezifische Methodologie besitzt, greift es seinerseits aus neuer Sicht wichtige Fragen wieder auf, die in den vorangegangenen Kapiteln behandelt wurden. Das betrifft speziell einige Zentralthemen, welche die gesamte Enzyklika durchziehen. Zum Beispiel: die enge Beziehung zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten; die Überzeugung, dass in der Welt alles miteinander verbunden ist; die Kritik am neuen Machtmodell und den Formen der Macht, die aus der Technik abgeleitet sind; die Einladung, nach einem anderen Verständnis von Wirtschaft und Fortschritt zu suchen; der Eigenwert eines jeden Geschöpfes; der menschliche Sinn der Ökologie; die Notwendigkeit aufrichtiger und ehrlicher Debatten; die schwere Verantwortung der internationalen und lokalen Politik; die Wegwerfkultur und der Vorschlag eines neuen Lebensstils. Diese Themen werden weder abgeschlossen noch aufgegeben, sondern sie werden ständig neu aufgegriffen und angereichert.

    ERSTES KAPITEL

    WAS UNSEREM HAUS WIDERFÄHRT

    17. Die theologischen oder philosophischen Reflexionen über die Situation der Menschheit und der Welt können wie eine repetitive und abstrakte Botschaft klingen, wenn sie nicht von einer Gegenüberstellung mit dem aktuellen Kontext her neu vorgebracht werden, im Blick auf das, was dieser an noch nie Dagewesenem für die Geschichte der Menschheit enthält. Darum schlage ich vor, dass wir, bevor wir erkennen, wie der Glaube angesichts der Welt, zu der wir gehören, neue Beweggründe und Erfordernisse beisteuert, kurz bei einer Betrachtung dessen verweilen, was unserem gemeinsamen Haus widerfährt.

    18. Die ständige Beschleunigung in den Veränderungen der Menschheit und des Planeten verbindet sich heute mit einer Intensivierung der Lebens- und Arbeitsrhythmen zu einem Phänomen, das einige als „rapidación“ bezeichnen. Wenn auch die Veränderung ein Teil der Dynamik der komplexen Systeme ist, steht doch die Geschwindigkeit, die das menschliche Handeln ihr heute aufzwingt, im Gegensatz zu der natürlichen Langsamkeit der biologischen Evolution. Hinzu kommt das Problem, dass die Ziele dieser schnellen und unablässigen Veränderung nicht unbedingt auf das Gemeinwohl und eine nachhaltige und ganzheitliche menschliche Entwicklung ausgerichtet sind. Die Veränderung ist etwas Wünschenswertes, wird aber beunruhigend, wenn sie sich in eine Verschlechterung der Welt und der Lebensqualität eines großen Teils der Menschheit verwandelt.

    19. Nach einer Zeit irrationalen Vertrauens auf den Fortschritt und das menschliche Können tritt jetzt ein Teil der Gesellschaft in eine Phase stärkerer Bewusstheit ein. Es ist eine steigende Sensibilität für die Umwelt und die Pflege der Natur zu beobachten, und es wächst eine ehrliche, schmerzliche Besorgnis um das, was mit unserem Planeten geschieht. Wir geben einen – wenn auch sicherlich unvollständigen – Überblick über jene Fragen, die uns heute beunruhigen und die wir jetzt nicht mehr unter den Teppich kehren können. Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann.

    I. UMWELTVERSCHMUTZUNG UND KLIMAWANDEL

    Verschmutzung, Abfall und Wegwerfkultur

    20. Es gibt Formen der Umweltverschmutzung, durch die die Menschen täglich geschädigt werden. Den Schadstoffen in der Luft ausgesetzt zu sein, erzeugt ein weites Spektrum von Wirkungen auf die Gesundheit – besonders der Ärmsten – und verursacht Millionen von vorzeitigen Todesfällen. Sie erkranken zum Beispiel durch das Einatmen erhöhter Dosen an Rauch von den Brennstoffen, die sie zum Kochen oder zum Heizen verwenden. Dazu kommt die Verschmutzung, die alle schädigt, aufgrund des Verkehrswesens und durch Industrieabgase, aufgrund von Deponien, in denen Substanzen gelagert werden, die zur Versauerung von Boden und Wasser beitragen, aufgrund von Düngemitteln, Insektiziden, Fungiziden, Herbiziden und Agrotoxiden allgemein. Eine mit dem Finanzwesen verknüpfte Technologie, die behauptet, die einzige Lösung der Probleme zu sein, ist in der Tat oft nicht fähig, das Geheimnis der vielfältigen Beziehungen zu sehen, die zwischen den Dingen bestehen, und löst deshalb manchmal ein Problem, indem sie andere schafft.

    21. Wir müssen auch die Verschmutzung in Betracht ziehen, die durch Müll verursacht wird, einschließlich der gefährlichen Abfälle, die in verschiedenen Gegenden vorhanden sind. Pro Jahr werden hunderte Millionen Tonnen Müll produziert, von denen viele nicht biologisch abbaubar sind: Hausmüll und Gewerbeabfälle, Abbruchabfälle, klinische Abfälle, Elektronikschrott und Industrieabfälle, hochgradig toxische Abfälle und Atommüll. Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln. An vielen Orten des Planeten trauern die alten Menschen den Landschaften anderer Zeiten nach, die jetzt von Abfällen überschwemmt werden. Sowohl die Industrieabfälle als auch die in den Städten und in der Landwirtschaft verwendeten chemischen Produkte können im Organismus der Bewohner der angrenzenden Gebiete den Effekt einer Bioakkumulation bewirken, der auch dann eintritt, wenn sich an einem Ort das Vorkommen eines toxischen Elements auf niedrigem Niveau hält. Häufig werden Maßnahmen erst dann ergriffen, wenn die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen bereits irreversibel sind.

    22. Diese Probleme sind eng mit der Wegwerfkultur verbunden, die sowohl die ausgeschlossenen Menschen betrifft als auch die Dinge, die sich rasch in Abfall verwandeln. Machen wir uns zum Beispiel bewusst, dass der größte Teil des Papiers, das produziert wird, verschwendet und nicht wiederverwertet wird. Es fällt uns schwer anzuerkennen, dass die Funktionsweise der natürlichen Ökosysteme vorbildlich ist: Die Pflanzen synthetisieren Nährstoffe für die Pflanzenfresser; diese ernähren ihrerseits die Fleischfresser, die bedeutende Mengen organischer Abfälle produzieren, welche Anlass zu neuem Pflanzenwuchs geben. Dagegen hat das Industriesystem am Ende des Zyklus von Produktion und Konsum keine Fähigkeit zur Übernahme und Wiederverwertung von Rückständen und Abfällen entwickelt. Noch ist es nicht gelungen, ein auf Kreislauf ausgerichtetes Produktionsmodell anzunehmen, das Ressourcen für alle und für die kommenden Generationen gewährleistet und das voraussetzt, den Gebrauch der nicht erneuerbaren Reserven aufs Äußerste zu beschränken, den Konsum zu mäßigen, die Effizienz der Ressourcennutzung maximal zu steigern und auf Wiederverwertung und Recycling zu setzen. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage wäre ein Weg, der Wegwerfkultur entgegenzuwirken, die schließlich dem gesamten Planeten schadet. Wir stellen jedoch fest, dass die Fortschritte in diesem Sinn noch sehr gering sind.

    Das Klima als gemeinsames Gut

    23. Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle. Es ist auf globaler Ebene ein kompliziertes System, das mit vielen wesentlichen Bedingungen für das menschliche Leben verbunden ist. Es besteht eine sehr starke wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass wir uns in einer besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems befinden. In den letzten Jahrzehnten war diese Erwärmung von dem ständigen Anstieg des Meeresspiegels begleitet, und außerdem dürfte es schwierig sein, sie nicht mit der Zunahme extremer meteorologischer Ereignisse in Verbindung zu bringen, abgesehen davon, dass man nicht jedem besonderen Phänomen eine wissenschaftlich bestimmbare Ursache zuschreiben kann. Die Menschheit ist aufgerufen, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Leben, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen, um diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen. Es stimmt, dass es noch andere Faktoren gibt (z. B. der Vulkanismus, die Änderungen der Erdumlaufbahn und der Erdrotationsachse, der Solarzyklus), doch zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass der größte Teil der globalen Erwärmung der letzten Jahrzehnte auf die starke Konzentration von Treibhausgasen (Kohlendioxid, Methan, Stickstoffoxide und andere) zurückzuführen ist, die vor allem aufgrund des menschlichen Handelns ausgestoßen werden. Wenn sie sich in der Atmosphäre intensivieren, verhindern sie, dass die von der Erde reflektierte Wärme der Sonnenstrahlen sich im Weltraum verliert. Das wird besonders durch das Entwicklungsmodell gesteigert, das auf dem intensiven Gebrauch fossiler Kraftstoffe basiert, auf den das weltweite Energiesystem ausgerichtet ist. Auch die zunehmende Praxis einer veränderten Bodennutzung hat sich ausgewirkt, hauptsächlich die Abholzung der Wälder zugunsten der Landwirtschaft.

    24. Die Erwärmung beeinflusst ihrerseits den Kohlenstoffkreislauf. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, der die Situation weiter verschärft und der die Verfügbarkeit unerlässlicher Ressourcen wie das Trinkwasser, die Energie und die Agrarproduktion in den heißesten Zonen beeinträchtigen und das Aussterben eines Teils der biologischen Vielfalt des Planeten verursachen wird. Durch das Schmelzen des Polareises und der Hochgebirgsflächen droht eine sehr gefährliche Freisetzung von Methangas, und die Verwesung der tiefgefrorenen organischen Stoffe könnte die Ausströmung von Kohlendioxid noch weiter erhöhen. Das Verschwinden der tropischen Urwälder verschlechtert seinerseits die Lage, denn sie helfen ja, den Klimawandel abzuschwächen. Die durch das Kohlendioxid verursachte Verschmutzung erhöht den Säuregehalt der Ozeane und gefährdet die marine Nahrungskette. Wenn die augenblickliche Tendenz anhält, könnte dieses Jahrhundert Zeuge nie dagewesener klimatischer Veränderungen und einer beispiellosen Zerstörung der Ökosysteme werden, mit schweren Folgen für uns alle. Der Anstieg des Meeresspiegels, zum Beispiel, kann Situationen von äußerstem Ernst schaffen, wenn man bedenkt, dass ein Viertel der Weltbevölkerung unmittelbar oder sehr nahe am Meer lebt und der größte Teil der Megastädte sich in Küstengebieten befindet.

    25. Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar. Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung. So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz. Leider herrscht eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber diesen Tragödien, die sich gerade jetzt in bestimmten Teilen der Welt zutragen. Der Mangel an Reaktionen angesichts dieser Dramen unserer Brüder und Schwestern ist ein Zeichen für den Verlust jenes Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet.

    26. Viele von denen, die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen, scheinen sich vor allem darauf zu konzentrieren, die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen, und sie versuchen nur, einige negative Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Viele Symptome zeigen aber an, dass diese Wirkungen jedes Mal schlimmer sein können, wenn wir mit den gegenwärtigen Produktionsmodellen und Konsumgewohnheiten fortfahren. Darum ist es dringend geboten, politische Programme zu entwickeln, um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren, zum Beispiel indem man die Verbrennung von fossilem Kraftstoff ersetzt und Quellen erneuerbarer Energie entwickelt. Weltweit sind saubere und erneuerbare Energien nur in geringem Maß erschlossen. Noch ist es notwendig, angemessene Technologien für die Speicherung zu entwickeln. Trotzdem sind in einigen Ländern Fortschritte erzielt worden, die beginnen, von Bedeutung zu sein, auch wenn sie weit davon entfernt sind, eine beachtliche Proportion zu erreichen. Es gab auch einige Investitionen in Produktionsweisen und Transportarten, die weniger Energie verbrauchen und geringere Mengen an Rohstoff erfordern, sowie in Bauformen oder Arten der Bausanierung, um die Energieeffizienz zu verbessern. Doch diese guten Praktiken haben sich noch lange nicht überall eingebürgert.

    II. DIE WASSERFRAGE

    27. Andere Anzeichen der aktuellen Situation stehen im Zusammenhang mit der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. Wir wissen sehr wohl, dass es unmöglich ist, das gegenwärtige Konsumniveau der am meisten entwickelten Länder und der reichsten Gesellschaftsschichten aufrechtzuerhalten, wo die Gewohnheit, zu verbrauchen und wegzuwerfen, eine nie dagewesene Stufe erreicht hat. Es sind bereits gewisse Höchstgrenzen der Ausbeutung des Planeten überschritten worden, ohne dass wir das Problem der Armut gelöst haben.

    28. Sauberes Trinkwasser ist eine Frage von vorrangiger Bedeutung, denn es ist unentbehrlich für das menschliche Leben und zur Erhaltung der Ökosysteme von Erde und Wasser. Die Süßwasserquellen versorgen die Bereiche von Gesundheitswesen, Landwirtschaft und Industrie. Über lange Zeit blieb der Wasservorrat relativ konstant, jetzt aber übersteigt an vielen Orten die Nachfrage das nachhaltige Angebot, mit schweren kurz- und langfristigen Folgen. Große Städte, die von einem bedeutenden Volumen der Wasserspeicherung abhängig sind, erleiden zeitweise einen Ressourcenrückgang, der in kritischen Momenten nicht immer mit einer angemessenen Steuerung und mit Unparteilichkeit verwaltet wird. Die Knappheit an Gemeinschaftswasser besteht besonders in Afrika, wo große Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser haben oder unter Dürreperioden leiden, die die Produktion von Nahrungsmitteln erschweren. In einigen Ländern gibt es wasserreiche Regionen und zugleich andere, die unter schwerem Wassermangel leiden.

    29. Ein besonders ernstes Problem, das täglich viele Todesopfer fordert, ist die Qualität des Wassers, das den Armen zur Verfügung steht. Unter den Armen sind Krankheiten im Zusammenhang mit dem Wasser häufig, einschließlich derer, die durch Mikroorganismen und chemische Substanzen verursacht werden. Diarrhoe und Cholera, die mit unangemessenen hygienischen Einrichtungen und mit einem ungeeigneten Wasservorrat zusammenhängen, sind ein bedeutender Faktor für das Leiden von Kindern und für die Kindersterblichkeit. Das Grundwasser ist an vielen Orten durch die Verschmutzung bedroht, die von einigen Formen der Rohstoffgewinnung, von landwirtschaftlichen und von industriellen Betrieben verursacht wird, vor allem in Ländern, in denen es keine Regelung und keine ausreichenden Kontrollen gibt. Denken wir nicht nur an die Abfälle der Fabriken. Die Waschmittel und die chemischen Produkte, welche die Bevölkerung vielerorts in der Welt verwendet, sickern fortlaufend in Flüsse, Seen und Meere.

    30. Während die Qualität des verfügbaren Wassers ständig schlechter wird, nimmt an einigen Orten die Tendenz zu, diese knappe Ressource zu privatisieren; so wird sie in Ware verwandelt und den Gesetzen des Marktes unterworfen. In Wirklichkeit ist der Zugang zu sicherem Trinkwasser ein grundlegendes, fundamentales und allgemeines Menschenrecht, weil es für das Überleben der Menschen ausschlaggebend und daher die Bedingung für die Ausübung der anderen Menschenrechte ist. Diese Welt lädt eine schwere soziale Schuld gegenüber den Armen auf sich, die keinen Zugang zum Trinkwasser haben, denn das bedeutet, ihnen das Recht auf Leben zu verweigern, das in ihrer unveräußerlichen Würde verankert ist. Diese Schuld wird zum Teil beglichen durch mehr wirtschaftliche Beiträge zur Versorgung der ärmsten Bevölkerung mit klarem Wasser und Hygiene. Es ist jedoch eine Wasserverschwendung nicht nur in den Industrieländern zu beobachten, sondern auch in den weniger entwickelten Ländern, die große Wasserreserven besitzen. Das zeigt, dass das Wasserproblem zum Teil eine Frage der Erziehung und ein kulturelles Problem ist, denn es fehlt das Bewusstsein der Schwere dieses Verhaltens in einem Kontext großer Ungleichheit.

    31. Ein größerer Wassermangel wird einen Anstieg der Nahrungsmittelpreise und der Kosten bestimmter Produkte verursachen, die vom Wasserverbrauch abhängen. Einige Forscher haben vor der Möglichkeit eines akuten Wassermangels innerhalb weniger Jahrzehnte gewarnt, wenn nicht schnell gehandelt wird. Die Umweltbelastungen könnten Milliarden von Menschen schaden, doch es ist absehbar, dass sich die Kontrolle des Wassers durch große weltweite Unternehmen in eine der hauptsächlichen Konfliktquellen dieses Jahrhunderts verwandelt.[23]

    III. DER VERLUST DER BIOLOGISCHEN VIELFALT

    32. Die Ressourcen der Erde werden auch geplündert durch ein Verständnis der Wirtschaft und der kommerziellen und produktiven Tätigkeit, das ausschließlich das unmittelbare Ergebnis im Auge hat. Der Verlust von Wildnissen und Wäldern bringt zugleich den Verlust von Arten mit sich, die in Zukunft äußerst wichtige Ressourcen darstellen könnten, nicht nur für die Ernährung, sondern auch für die Heilung von Krankheiten und für vielfältige Dienste. Die verschiedenen Arten enthalten Gene, die Ressourcen mit einer Schlüsselfunktion sein können, um in der Zukunft irgendeinem menschlichen Bedürfnis abzuhelfen oder um irgendein Umweltproblem zu lösen.

    33. Doch es genügt nicht, an die verschiedenen Arten nur als eventuelle nutzbare „Ressourcen“ zu denken und zu vergessen, dass sie einen Eigenwert besitzen. Jedes Jahr verschwinden Tausende Pflanzen- und Tierarten, die wir nicht mehr kennen können, die unsere Kinder nicht mehr sehen können, verloren für immer. Die weitaus größte Mehrheit stirbt aus Gründen aus, die mit irgendeinem menschlichen Tun zusammenhängen. Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.

    34. Möglicherweise beunruhigt es uns, vom Aussterben eines Säugetiers oder eines Vogels zu erfahren, weil sie uns mehr vor Augen sind. Doch für das gute Funktionieren des Ökosystems sind auch die Pilze, die Algen, die Würmer, die Insekten, die Reptilien und die unzählige Vielfalt von Mikroorganismen notwendig. Einige zahlenmäßig geringe Arten, die gewöhnlich unbemerkt bleiben, spielen eine grundlegend entscheidende Rolle, um das Gleichgewicht eines Ortes zu stabilisieren. Es stimmt, dass der Mensch eingreifen muss, wenn ein Geosystem in ein kritisches Stadium gerät, doch heute hat das menschliche Eingreifen in eine so komplexe Wirklichkeit wie die Natur ein solches Maß erreicht, dass die ständigen vom Menschen verursachten Katastrophen sein erneutes Eingreifen herausfordern, so dass das menschliche Handeln allgegenwärtig wird, mit allen Risiken, die das in sich birgt. Gewöhnlich entsteht ein Teufelskreis, wo das Eingreifen des Menschen, um eine Schwierigkeit zu lösen, häufig die Situation weiter verschlimmert. So sind zum Beispiel viele Vögel und Insekten, die aufgrund der von der Technologie geschaffenen und in der Landwirtschaft verwendeten Agrotoxide aussterben, für ebendiese Landwirtschaft nützlich, und ihr Verschwinden muss durch ein weiteres technologisches Eingreifen ersetzt werden, das möglicherweise neue schädliche Auswirkungen hat. Lobenswert und manchmal bewundernswert sind die Anstrengungen der Wissenschaftler und Techniker, die versuchen, Lösungen für die vom Menschen verursachten Probleme zu schaffen. Wenn wir jedoch die Welt betrachten, stellen wir fest, dass dieses Ausmaß menschlichen Eingreifens, das häufig im Dienst der Finanzen und des Konsumismus steht, dazu führt, dass die Erde, auf der wir leben, in Wirklichkeit weniger reich und schön wird, immer begrenzter und trüber, während gleichzeitig die Entwicklung der Technologie und des Konsumangebots grenzenlos weiter fortschreitet. So hat es den Anschein, dass wir bestrebt sind, auf diese Weise eine unersetzliche und unwiederbringliche Schönheit auszutauschen gegen eine andere, die von uns geschaffen wurde.

    35. Wenn die Umweltverträglichkeit irgendeines Unternehmens geprüft wird, achtet man gewöhnlich auf die Auswirkungen auf den Boden, das Wasser und die Luft, doch nicht immer wird eine sorgfältige Untersuchung über die Wirkung auf die biologische Vielfalt eingeschlossen, als sei der Verlust einiger Arten oder Gruppen von Tieren oder Pflanzen etwas von geringer Bedeutung. Schnellstraßen, Neukultivierungen, Drahtzäune, Talsperren und andere Konstruktionen ergreifen Besitz von den Lebensräumen, und manchmal zersplittern sie diese derart, dass die Tierpopulationen nicht mehr wandern, noch frei pendeln können, so dass einige Arten vom Aussterben bedroht sind. Es gibt Alternativen – wie die Schaffung von biologischen Korridoren –, welche die Wirkung dieser Bauten zumindest abschwächen, doch eine solche Umsicht und Vorsorge ist nur in wenigen Ländern zu bemerken. Wenn einige Arten kommerziell genutzt werden, erforscht man nicht immer die Weise ihres Wachstums, um ihre übermäßige Reduzierung und das daraus resultierende Ungleichgewicht des Ökosystems zu vermeiden.

    36. Die Pflege der Ökosysteme setzt einen Blick voraus, der über das Unmittelbare hinausgeht, denn wenn man nur nach einem schnellen und einfachen wirtschaftlichen Ertrag sucht, ist niemand wirklich an ihrem Schutz interessiert. Doch der Preis für die Schäden, die durch die egoistische Fahrlässigkeit verursacht werden, ist sehr viel höher als der wirtschaftliche Vorteil, den man erzielen kann. Im Fall des Verlustes oder des schweren Schadens an einigen Arten ist von Werten die Rede, die jedes Kalkül überschreiten. Darum können wir stumme Zeugen schwerster Ungerechtigkeiten werden, wenn der Anspruch erhoben wird, bedeutende Vorteile zu erzielen, indem man den Rest der Menschheit von heute und morgen die äußerst hohen Kosten der Umweltzerstörung bezahlen lässt.

    37. Einige Länder haben Fortschritte gemacht im wirksamen Schutz gewisser Orte und Zonen – auf der Erde und in den Ozeanen –, wo jedes menschliche Eingreifen verboten ist, das ihre Physiognomie verändern oder ihre ursprüngliche Gegebenheit verfälschen kann. Bei der Pflege der biologischen Vielfalt beharren die Fachleute auf der Notwendigkeit, den artenreichsten Zonen mit heimischen, seltenen oder weniger wirksam geschützten Arten besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Es gibt Orte, die einer speziellen Sorgfalt bedürfen wegen ihrer enormen Bedeutung für das weltweite Ökosystem oder weil sie wichtige Wasserreserven darstellen und so eine Gewähr für andere Formen des Lebens sind.

    38. Nennen wir zum Beispiel jene an biologischer Vielfalt überreichen Lungen des Planeten, die das Amazonasgebiet und das Kongobecken darstellen, oder die großen Grundwasservorkommen und die Gletscher. Wir wissen um die Bedeutung dieser Orte für die Gesamtheit des Planeten und für die Zukunft der Menschheit ist nicht unbekannt. Die Ökosysteme der tropischen Urwälder enthalten eine biologische Vielfalt von einer enormen Komplexität, die ganz zu kennen beinahe unmöglich ist, doch wenn diese Wildnisse niedergebrannt oder eingeebnet werden, um Bodenbewirtschaftung zu entwickeln, gehen in wenigen Jahren unzählige Arten verloren, wenn die Gebiete sich nicht sogar in trockene Wüsten verwandeln. Dennoch sieht man sich, sobald man über diese Orte spricht, zu einem heiklen Balanceakt gezwungen, denn man darf auch nicht die enormen internationalen wirtschaftlichen Interessen außer Acht lassen, die unter dem Vorwand, für diese Orte zu sorgen, gegen die Souveränität der betroffenen Nationen verstoßen können. Tatsächlich existieren „Ideen […] das Amazonasgebiet zu internationalisieren: Solche Ideen nützen einzig und allein den ökonomischen Interessen der transnationalen Unternehmen“.[24] Anerkennenswert ist die Aufgabenstellung von internationalen Organisationen und Vereinigungen der Zivilgesellschaft, welche die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken – auch unter Einsatz legitimer Druckmittel –, damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen ihres Landes zu bewahren, ohne sich an unehrliche lokale oder internationale Interessen zu verkaufen.

    39. Der Ersatz der wilden Flora durch Flächen, die mit Bäumen aufgeforstet werden und im allgemeinen Monokulturen sind, ist gewöhnlich auch nicht Gegenstand einer angemessenen Analyse. Denn das kann einer biologischen Vielfalt, die von den neu angepflanzten Arten nicht angenommen wird, schwer schaden. Auch die Feuchtgebiete, die in Kulturland verwandelt werden, verlieren die enorme biologische Vielfalt, die sie beherbergen. In einigen Küstenzonen ist das Verschwinden der durch Mangrovensümpfe gebildeten Ökosysteme besorgniserregend.

    40. Die Ozeane enthalten nicht nur den größten Teil des Wassers des Planeten, sondern auch den größten Teil der umfassenden Vielfalt an Lebewesen, von denen viele uns noch unbekannt und aus verschiedenen Gründen bedroht sind. Andererseits wird das Leben in den Flüssen, Seen, Meeren und Ozeanen, das einen großen Teil der Weltbevölkerung ernährt, durch die unkontrollierte Ausbeutung des Fischbestands geschädigt, die den drastischen Rückgang einiger Arten verursacht. Dennoch entwickeln sich weiter Formen selektiven Fischfangs, die einen großen Teil der eingeholten Arten vergeuden. Besonders bedroht sind Meeresorganismen, an die wir gar nicht denken, wie bestimmte Formen von Plankton, die eine sehr wichtige Komponente in der marinen Nahrungskette bilden und von denen letztlich Arten abhängen, die uns zur Nahrung dienen.

    41. Wenn wir in die tropischen und subtropischen Meere eindringen, begegnen wir den Korallenbänken, denen die gleiche Bedeutung der Urwälder der Erde zukommt, denn sie beherbergen etwa eine Million Arten, darunter Fische, Krabben, Mollusken, Schwämme, Algen und andere. Viele der Korallenbänke der Welt sind heute schon steril oder befinden sich in einem fortwährenden Stadium des Niedergangs: „Wer hat die wunderbare Meereswelt in leb- und farblose Unterwasser-Friedhöfe verwandelt?“[25] Dieses Phänomen ist großenteils auf die Verschmutzung zurückzuführen, die ins Meer gelangt als Ergebnis der Entwaldung, der landwirtschaftlichen Monokulturen, der Industrieabfälle und der destruktiven Methoden des Fischfangs, besonders derer, die Zyanid und Dynamit benutzen. Es verschärft sich durch den Temperaturanstieg der Ozeane. All das hilft uns zu bemerken, in welcher Weise jeder beliebige Eingriff in die Natur Folgen haben kann, die wir auf den ersten Blick nicht wahrnehmen, und dass gewisse Formen der Ressourcennutzung auf Kosten einer Zerstörung geschehen, die schließlich sogar den Grund der Ozeane erreicht.

    42. Es ist notwendig, viel mehr in die Forschung zu investieren, um das Verhalten der Ökosysteme besser zu verstehen und die verschiedenen Variablen der Auswirkung jeder beliebigen wichtigen Veränderung der Umwelt zu analysieren. Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen. Jedes Hoheitsgebiet trägt eine Verantwortung für die Pflege dieser Familie. Es müsste für sie eine sorgfältige Bestandsaufnahme der Arten erstellen, die es beherbergt, um Programme und Strategien für den Schutz zu entwickeln, und dabei mit besonderer Sorge auf die Arten zu achten, die im Aussterben begriffen sind.

    IV. VERSCHLECHTERUNG DER LEBENSQUALITÄT UND SOZIALER NIEDERGANG

    43. Wenn wir berücksichtigen, dass der Mensch auch ein Geschöpf dieser Welt ist, das ein Recht auf Leben und Glück hat und das außerdem eine ganz besondere Würde besitzt, können wir es nicht unterlassen, die Auswirkungen der Umweltzerstörung, des aktuellen Entwicklungsmodells und der Wegwerfkultur auf das menschliche Leben zu betrachten.

    44. Heute beobachten wir zum Beispiel das maßlose und ungeordnete Wachsen vieler Städte, die für das Leben ungesund geworden sind, nicht nur aufgrund der Verschmutzung durch toxische Emissionen, sondern auch aufgrund des städtischen Chaos, der Verkehrsprobleme und der visuellen und akustischen Belästigung. Viele Städte sind große unwirtschaftliche Gefüge, die übermäßig viel Energie und Wasser verbrauchen. Es gibt Stadtviertel, die, obwohl sie erst vor Kurzem erbaut wurden, verstopft und ungeordnet sind, ohne ausreichende Grünflächen. Es entspricht nicht dem Wesen der Bewohner dieses Planeten, immer mehr von Zement, Asphalt, Glas und Metall erdrückt und dem physischen Kontakt mit der Natur entzogen zu leben.

    45. In einigen ländlichen und städtischen Zonen hat die Privatisierung von Geländen dazu geführt, dass der Zugang der Bürger zu Gebieten von besonderer Schönheit schwierig wird. Unter anderem werden „ökologische“ Wohnanlagen geschaffen, die nur einigen wenigen dienen, wo man zu vermeiden sucht, dass andere eintreten und die künstliche Ruhe stören. Eine schöne Stadt voller gut gepflegter Grünflächen findet man gewöhnlich in einigen „sicheren“ Gebieten, jedoch kaum in weniger sichtbaren Zonen, wo die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen leben.

    46. Zu den sozialen Komponenten der globalen Veränderung gehören auch die Auswirkungen einiger technologischer Neuerungen auf die Arbeit, die soziale Ausschließung, die Ungleichheit in der Verfügbarkeit und dem Konsum von Energie und anderen Diensten, die gesellschaftliche Aufsplitterung, die Zunahme der Gewalt und das Aufkommen neuer Formen sozialer Aggressivität, der Rauschgifthandel und der steigende Drogenkonsum unter den Jüngsten, der Verlust der Identität. Das sind unter anderem Zeichen, die zeigen, dass das Wachstum der letzten beiden Jahrhunderte nicht in allen seinen Aspekten einen wahren ganzheitlichen Fortschritt und eine Besserung der Lebensqualität bedeutet hat. Einige dieser Zeichen sind zugleich Symptome eines wirklichen sozialen Niedergangs, eines stillschweigenden Bruchs der Bindungen von sozialer Integration und Gemeinschaft.

    47. Dazu kommen die Dynamiken der Medien und der digitalen Welt, die, wenn sie sich in eine Allgegenwart verwandeln, nicht die Entwicklung einer Fähigkeit zu weisem Leben, tiefgründigem Denken und großherziger Liebe begünstigen. Die großen Weisen der Vergangenheit würden in diesem Kontext Gefahr laufen, dass ihre Weisheit inmitten des zerstreuenden Lärms der Informationen erlischt. Das verlangt von uns eine Anstrengung, damit diese Medien sich in einer neuen kulturellen Entwicklung der Menschheit niederschlagen und nicht in einem Verfall ihres innersten Reichtums. Die wirkliche Weisheit, die aus der Reflexion, dem Dialog und der großherzigen Begegnung zwischen Personen hervorgeht, erlangt man nicht mit einer bloßen Anhäufung von Daten, die sättigend und benebelnd in einer Art geistiger Umweltverschmutzung endet. Zugleich besteht die Tendenz, die realen Beziehungen zu den anderen mit allen Herausforderungen, die sie beinhalten, durch eine Art von Kommunikation zu ersetzen, die per Internet vermittelt wird. Das erlaubt, die Beziehungen nach unserem Belieben auszuwählen oder zu eliminieren, und so pflegt sich eine neue Art künstlicher Gefühlsregungen zu bilden, die mehr mit Apparaturen und Bildschirmen zu tun haben, als mit den Menschen und der Natur. Die derzeitigen Medien gestatten, dass wir Kenntnisse und Gemütsbewegungen übermitteln und miteinander teilen. Trotzdem hindern sie uns manchmal auch, mit der Angst, mit dem Schaudern, mit der Freude des anderen und mit der Komplexität seiner persönlichen Erfahrung in direkten Kontakt zu kommen. Darum dürfte es nicht verwundern, dass sich gemeinsam mit dem überwältigenden Angebot dieser Produkte eine tiefe und wehmütige Unzufriedenheit in den zwischenmenschlichen Beziehungen oder eine schädliche Vereinsamung breitmacht.

    V. WELTWEITE SOZIALE UNGERECHTIGKEIT

    48. Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam, und wir werden die Umweltzerstörung nicht sachgemäß angehen können, wenn wir nicht auf Ursachen achten, die mit dem Niedergang auf menschlicher und sozialer Ebene zusammenhängen. Tatsächlich schädigen der Verfall der Umwelt und der der Gesellschaft in besonderer Weise die Schwächsten des Planeten: „Sowohl die allgemeine Erfahrung des alltäglichen Lebens als auch die wissenschaftliche Untersuchung zeigen, dass die schwersten Auswirkungen all dieser Umweltverletzungen von den Ärmsten erlitten werden.“[26] So beeinträchtigt zum Beispiel die Erschöpfung des Fischbestands speziell diejenigen, die vom handwerklichen Fischfang leben und nichts besitzen, um ihn zu ersetzen; die Verschmutzung des Wassers trifft besonders die Ärmsten, die keine Möglichkeit haben, abgefülltes Wasser zu kaufen, und der Anstieg des Meeresspiegels geht hauptsächlich die verarmte Küstenbevölkerung an, die nichts haben, wohin sie umziehen können. Die Auswirkung der aktuellen Formen von Unordnung zeigt sich auch im vorzeitigen Sterben vieler Armer, in den Konflikten, die durch Mangel an Ressourcen hervorgerufen werden, und in vielen anderen Problemen, die keinen ausreichenden Platz auf der Tagesordnung der Welt haben.[27]

    49. Ich möchte darauf hinweisen, dass man gewöhnlich keine klare Vorstellung von den Problemen hat, die besonders die Ausgeschlossenen heimsuchen. Sie sind der größte Teil des Planeten, Milliarden von Menschen. Heute kommen sie in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Debatten vor, doch oft scheint es, dass ihre Probleme gleichsam als ein Anhängsel angegangen werden, wie eine Frage, die man fast pflichtgemäß oder ganz am Rande anfügt, wenn man sie nicht als bloßen Kollateralschaden betrachtet. Tatsächlich bleiben sie im Moment der konkreten Verwirklichung oft auf dem letzten Platz. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass viele Akademiker, Meinungsmacher, Medien- und Machtzentren weit von ihnen entfernt angesiedelt sind, in abgeschlossenen Stadtbereichen, ohne in direkten Kontakt mit ihren Problemen zu kommen. Sie leben und denken von der Annehmlichkeit einer Entwicklungsstufe und einer Lebensqualität aus, die für die Mehrheit der Weltbevölkerung unerreichbar sind. Dieser Mangel an physischem Kontakt und an Begegnung, der manchmal durch die Desintegration unserer Städte begünstigt wird, trägt dazu bei, das Gewissen zu „kauterisieren“ und einen Teil der Realität in tendenziösen Analysen zu ignorieren. Das geht zuweilen Hand in Hand mit „grünen“ Reden. Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.

    50. Anstatt die Probleme der Armen zu lösen und an eine andere Welt zu denken, haben einige nichts anderes vorzuschlagen als eine Reduzierung der Geburtenrate. Es fehlt nicht an internationalem Druck auf die Entwicklungsländer, indem wirtschaftliche Hilfen von gewissen politischen Entscheidungen zugunsten der „Fortpflanzungsgesundheit“ abhängig gemacht werden. Doch „wenn es zutrifft, dass die ungleiche Verteilung der Bevölkerung und der verfügbaren Ressourcen die Entwicklung und den vertretbaren Umgang mit der Umwelt behindern, muss auch anerkannt werden, dass eine wachsende Bevölkerung mit einer umfassenden und solidarischen Entwicklung voll und ganz zu vereinbaren ist“.[28] Die Schuld dem Bevölkerungszuwachs und nicht dem extremen und selektiven Konsumverhalten einiger anzulasten, ist eine Art, sich den Problemen nicht zu stellen. Es ist der Versuch, auf diese Weise das gegenwärtige Modell der Verteilung zu legitimieren, in dem eine Minderheit sich für berechtigt hält, in einem Verhältnis zu konsumieren, das unmöglich verallgemeinert werden könnte, denn der Planet wäre nicht einmal imstande, die Abfälle eines solchen Konsums zu fassen. Außerdem wissen wir, dass etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel verschwendet wird, und dass „Nahrung, die weggeworfen wird, gleichsam vom Tisch des Armen […] geraubt wird“.[29] Auf jeden Fall steht fest, dass das Ungleichgewicht in der Verteilung der Bevölkerung über das Territorium sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene beachtet werden muss, denn der Anstieg des Konsums würde zu komplexen regionalen Situationen führen wegen der Kombination von Problemen, die unter anderem mit der Umweltverschmutzung, dem Verkehrswesen, der Handhabung der Abfälle, dem Verlust der Ressourcen und der Lebensqualität verbunden sind.

    51. Die soziale Ungerechtigkeit geht nicht nur Einzelne an, sondern ganze Länder, und zwingt dazu, an eine Ethik der internationalen Beziehungen zu denken. Denn es gibt eine wirkliche „ökologische Schuld“ – besonders zwischen dem Norden und dem Süden – im Zusammenhang mit Ungleichgewichten im Handel und deren Konsequenzen im ökologischen Bereich wie auch mit dem im Laufe der Geschichte von einigen Ländern praktizierten unproportionierten Verbrauch der natürlichen Ressourcen. Der Export einiger Rohstoffe, um die Märkte im industrialisierten Norden zu befriedigen, hat örtliche Schäden verursacht wie die Quecksilbervergiftung in den Goldminen oder die Vergiftung mit Schwefeldioxid im Bergbau zur Kupfergewinnung. Besonders muss man der Tatsache Rechnung tragen, dass der Umweltbereich des gesamten Planeten zur „Entsorgung“ gasförmiger Abfälle gebraucht wird, die sich im Laufe von zwei Jahrhunderten angesammelt und eine Situation geschaffen haben, die nunmehr alle Länder der Welt in Mitleidenschaft zieht. Die Erwärmung, die durch den enormen Konsum einiger reicher Länder verursacht wird, hat Auswirkungen in den ärmsten Zonen der Erde, besonders in Afrika, wo der Temperaturanstieg vereint mit der Dürre verheerende Folgen für den Ertrag des Ackerbaus hat. Dazu kommen die Schäden, die durch die Exportierung fester und flüssiger toxischer Abfälle in die Entwicklungsländer und durch die umweltschädigende Aktivität von Unternehmen verursacht werden, die in den weniger entwickelten Ländern tun, was sie in den Ländern, die ihnen das Kapital bringen, nicht tun können: „Wir stellen fest, dass es häufig multinationale Unternehmen sind, die so handeln und hier tun, was ihnen in den entwickelten Ländern bzw. in der sogenannten Ersten Welt nicht erlaubt ist. Im Allgemeinen bleiben bei der Einstellung ihrer Aktivitäten und ihrem Rückzug große Schulden gegenüber Mensch und Umwelt zurück wie Arbeitslosigkeit, Dörfer ohne Leben, Erschöpfung einiger natürlicher Reserven, Entwaldung, Verarmung der örtlichen Landwirtschaft und Viehzucht, Krater, eingeebnete Hügel, verseuchte Flüsse und einige wenige soziale Werke, die nicht mehr unterhalten werden können.“[30]

    52. Die Auslandsverschuldung der armen Länder ist zu einem Kontrollinstrument geworden, das Gleiche gilt aber nicht für die ökologische Schuld. Auf verschiedene Weise versorgen die weniger entwickelten Völker, wo sich die bedeutendsten Reserven der Biosphäre befinden, weiter die Entwicklung der reichsten Länder, auf Kosten ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft. Der Erdboden der Armen im Süden ist fruchtbar und wenig umweltgeschädigt, doch in den Besitz dieser Güter und Ressourcen zu gelangen, um ihre Lebensbedürfnisse zu befriedigen, ist ihnen verwehrt durch ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen. Es ist notwendig, dass die entwickelten Länder zur Lösung dieser Schuld beitragen, indem sie den Konsum nicht erneuerbarer Energie in bedeutendem Maß einschränken und Hilfsmittel in die am meisten bedürftigen Länder bringen, um politische Konzepte und Programme für eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Die ärmsten Regionen und Länder besitzen weniger Möglichkeiten, neue Modelle zur Reduzierung der Umweltbelastung anzuwenden, denn sie haben nicht die Qualifikation, um die notwendigen Verfahren zu entwickeln, und können die Kosten nicht abdecken. Darum muss man deutlich im Bewusstsein behalten, dass es im Klimawandel diversifizierte Verantwortlichkeiten gibt, und sich – wie die Bischöfe der Vereinigten Staaten sagten – entsprechend „besonders auf die Bedürfnisse der Armen, der Schwachen und der Verletzlichen konzentrieren, in einer Debatte, die oftmals von den mächtigeren Interessen beherrscht ist“.[31] Wir müssen uns stärker bewusst machen, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Es gibt keine politischen oder sozialen Grenzen und Barrieren, die uns erlauben, uns zu isolieren, und aus ebendiesem Grund auch keinen Raum für die Globalisierung der Gleichgültigkeit.

    VI. DIE SCHWÄCHE DER REAKTIONEN

    53. Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt. Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten. Doch wir sind berufen, die Werkzeuge Gottes des Vaters zu sein, damit unser Planet das sei, was Er sich erträumte, als Er ihn erschuf, und seinem Plan des Friedens, der Schönheit und der Fülle entspreche. Das Problem ist, dass wir noch nicht über die Kultur verfügen, die es braucht, um dieser Krise entgegenzutreten. Es ist notwendig, leaderships zu bilden, die Wege aufzeigen, indem sie versuchen, die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen unter Einbeziehung aller zu berücksichtigen, ohne die kommenden Generationen zu beeinträchtigen. Es wird unerlässlich, ein Rechtssystem zu schaffen, das unüberwindliche Grenzen enthält und den Schutz der Ökosysteme gewährleistet, bevor die neuen Formen der Macht, die sich von dem techno-ökonomischen Paradigma herleiten, schließlich nicht nur die Politik zerstören, sondern sogar die Freiheit und die Gerechtigkeit.

    54. Auffallend ist die Schwäche der internationalen politischen Reaktion. Die Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen zeigt sich in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen. Es gibt allzu viele Sonderinteressen, und leicht gelingt es dem wirtschaftlichen Interesse, die Oberhand über das Gemeinwohl zu gewinnen und die Information zu manipulieren, um die eigenen Pläne nicht beeinträchtigt zu sehen. In diesem Sinn fordert das Dokument von Aparecida, „dass bei den Eingriffen in die natürlichen Ressourcen nicht die Interessen von Wirtschaftskreisen den Vorrang haben dürfen, die […] auf irrationale Weise die Quellen des Lebens vernichten“.[32] Das Bündnis von Wirtschaft und Technologie klammert am Ende alles aus, was nicht zu seinen unmittelbaren Interessen gehört. So könnte man nur einige oberflächliche Deklamationen, vereinzelte menschenfreundliche Aktionen und sogar Bemühungen, Sensibilität für die Umwelt zu zeigen, erwarten, wobei in Wirklichkeit jeder beliebige Versuch der sozialen Organisationen, die Dinge zu ändern, als ein von romantischen Schwärmern verursachtes Ärgernis oder als Hindernis angesehen wird, das zu umgehen ist.

    55. Nach und nach können einige Länder bedeutende Fortschritte, die Entwicklung von wirksameren Kontrollen und einen aufrichtigeren Kampf gegen die Korruption aufweisen. Es gibt mehr ökologisches Empfinden in der Bevölkerung, auch wenn es nicht reicht, um die schädlichen Konsumgewohnheiten zu ändern, die nicht nachzulassen scheinen, sondern sich verbreiten und entwickeln. Das ist es – um nur ein einfaches Beispiel zu bringen –, was mit dem ständig zunehmenden Gebrauch und der steigenden Intensität der Klimaanlagen geschieht. Die Märkte, die davon unmittelbar profitieren, regen die Nachfrage immer noch mehr an. Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint.

    56. Indessen fahren die Wirtschaftsmächte fort, das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, in dem eine Spekulation und ein Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen, die dazu neigen, den gesamten Kontext wie auch die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind. Viele werden sagen, dass sie sich nicht bewusst sind, unmoralisch zu handeln, denn die ständige Ablenkung nimmt uns den Mut, der Wirklichkeit einer begrenzten und vergänglichen Welt ins Auge zu schauen. Daher bleibt heute „alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden“.[33]

    57. Es ist vorhersehbar, dass angesichts der Erschöpfung einiger Ressourcen eine Situation entsteht, die neue Kriege begünstigt, die als eine Geltendmachung edler Ansprüche getarnt werden. Der Krieg verursacht immer schwere Schäden für die Umwelt wie für den kulturellen Reichtum der Bevölkerungen, und die Risiken wachsen ins Ungeheure, wenn man an die nuklearen und die biologischen Waffen denkt. Denn „obwohl internationale Vereinbarungen den chemischen, bakteriologischen und biologischen Krieg verbieten, ist es eine Tatsache, dass in den Laboratorien die Forschung für die Entwicklung neuer Angriffswaffen fortgesetzt wird, die imstande sind, die natürlichen Gleichgewichte zu verändern“.[34] Von Seiten der Politik ist eine größere Aufmerksamkeit nötig, um den Situationen, die neue Konflikte verursachen können, zuvorzukommen und sie zu lösen. Doch die mit dem Finanzwesen verbundene Macht ist das, was sich am meisten gegen solche Bemühungen sträubt, und die politischen Pläne sind gewöhnlich nicht weitblickend. Warum möchte man heute eine Macht bewahren, die in die Erinnerung eingehen wird wegen ihrer Unfähigkeit einzugreifen, als es dringend und notwendig war?

    58. In einigen Ländern gibt es positive Beispiele von Erfolgen bei der Umweltverbesserung, wie die Reinigung verschiedener Flüsse, die viele Jahrzehnte lang verseucht waren, oder die Rückgewinnung von einheimischen Wäldern oder die Verschönerung von Landschaften durch Umweltsanierung oder architektonische Projekte von großem ästhetischem Wert oder Fortschritte in der Produktion umweltfreundlicher Energie, in der Verbesserung des öffentlichen Verkehrs und anderes. Diese Aktionen lösen nicht die globalen Probleme, bestätigen jedoch, dass der Mensch noch fähig ist, positiv einzuschreiten. Da er erschaffen ist, um zu lieben, keimen inmitten seiner Begrenztheiten unweigerlich Gesten der Großherzigkeit, der Solidarität und der Fürsorge auf.

    59. Zugleich wuchert eine oberflächliche oder scheinbare Ökologie, die eine gewisse Schläfrigkeit und eine leichtfertige Verantwortungslosigkeit unterstützt. Wie es in Zeiten tiefer Krise, die mutige Entscheidungen erfordern, zu gehen pflegt, sind wir versucht zu denken, dass ungewiss ist, was eigentlich geschieht. Wenn wir auf den äußeren Eindruck schauen, hat es, abgesehen von einigen sichtbaren Zeichen der Verseuchung und des Verfalls, den Anschein, als seien die Dinge nicht so schlimm und der Planet könne unter den gegenwärtigen Bedingungen noch lange Zeit fortbestehen. Diese ausweichende Haltung dient uns, unseren Lebensstil und unsere Produktions- und Konsumgewohnheiten beizubehalten. Es ist die Weise, wie der Mensch sich die Dinge zurechtlegt, um all die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen: Er versucht, sie nicht zu sehen, kämpft, um sie nicht anzuerkennen, schiebt die wich

  • Mutige Fischmännchen führen Rivalen hinters Licht

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    Zwei männliche Atlantikkärpflinge (Poecilia mexicana). Foto: IGB/David Bierbach

    Mutige Fischmännchen führen Rivalen hinters Licht

    Wenn Tiere in Gruppen leben, steht nahezu jede ihrer Verhaltensweisen unter der Beobachtung ihrer Artgenossen – so auch die Partnerwahl. In einer neuen Studie untersuchten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei ( IGB ) deshalb, welche Rolle der soziale Kontext und die individuelle Persönlichkeit von Fischmännchen beim Werben um Weibchen spielen. Sie fanden heraus, dass mutige Fische ihre Rivalen geschickt täuschen, indem sie ihre wahren Präferenzen verschleiern. Schüchterne Artgenossen hingegen weichen ihrer Auserwählten nur selten von der Seite. Die Ergebnisse wurden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift „Behavioral Ecology“ veröffentlicht.

    In einer neuen Studie konnten Wissenschaftler erstmals nachweisen, dass sich die Persönlichkeit von Fischmännchen auf ihr Verhalten bei der Partnerwahl auswirkt. Beeinflusst wird dieser Zusammenhang vom sozialen Kontext und der wahrgenommenen Konkurrenzsituation.

    Wie wir Menschen nutzen auch Tiere soziale Informationen und kopieren das Verhalten ihrer Artgenossen. Eine weit verbreitete Form dieses sozialen Lernens ist im Tierreich das Nachahmen bei der Partnerwahl. Das spart Zeit und wertvolle Ressourcen. Müsste doch sonst jedes Männchen selbst herausfinden, welches Weibchen gerade empfängnisbereit ist. Kärpflingsmännchen (Poecilia mexicana) zum Beispiel können den Empfängniszustand nur durch das „Beschnuppern“ der weiblichen Genitalöffnung erkennen – eine verhältnismäßig zeitaufwändige Prozedur.

    Fischmännchen kopieren die Partnerwahl ihrer Artgenossen

    Clevere Kärpflinge umgehen dieses Problem dadurch, dass sie Weibchen auswählen, die auch von anderen Paarungswilligen bevorzugt werden. – Männliches Partnerwahlkopieren nennen Wissenschaftler dieses Phänomen. „Das führt manchmal dazu, dass fast ein Dutzend Männchen entweder kurz hintereinander oder sogar zeitgleich versuchen, ein einziges Weibchen zu begatten“, erklärt Dr. David Bierbach, der die Studie am Leibniz-IGB leitete. Für den ersten, der das empfängnisbereite Weibchen entdeckt hat, verringere ein solcher Ansturm die Chance auf eigene Nachkommen.

    Einige Kärpflingsmännchen machen sich deshalb Täuschungsmanöver zunutze. Sie locken ihre Rivalen auf eine falsche Fährte, indem sie ihre sexuelle Aktivität reduzieren oder ihre wahren Präferenzen verschleiern. Umgarnen sie ein vormals nicht bevorzugtes Weibchen, bleibt die ursprünglich Auserwählte unbehelligt. – Die Wahrscheinlichkeit, dass die Spermien des Männchens ihre Eier befruchten, steigt nun von Minute zu Minute, in der sie keine fremden Avancen erhält.

    Risikofreude ist von Persönlichkeit und Sozialisierung der Fische abhängig

    Ein solches Täuschungsmanöver birgt jedoch für Männchen die Gefahr, das präferierte Fischweibchen aus den Augen zu verlieren. Das Forscherteam um David Bierbach wollte deshalb herausfinden, wie Fische dieses Risiko zwischen Konkurrenz und Verlust abwägen und welche Rolle ihre individuelle Persönlichkeit dabei spielt. Sie fanden heraus, dass mutige Männchen stärker auf ihr soziales Umfeld reagieren als schüchterne Artgenossen: Wurden sie von anderen Männchen beobachtet, griffen sie besonders oft auf Ablenkungsmanöver zurück.

    „Individuelle Persönlichkeitsattribute wie Mut oder Aktivität können auch von der Sozialisierung des jeweiligen Männchens abhängen“, sagt David Bierbach. „Wir setzten die Fische deshalb im Vorfeld unterschiedlichen sozialen Bedingungen aus.“ Männchen, die viele Konkurrenten in ihrem Umfeld gewöhnt waren, reagierten daraufhin viel stärker auf Rivalen als Männchen, die zuvor kaum Konkurrenz erlebt hatten. „Und gerade bei denen, die viel Konkurrenz gewöhnt waren, sind es die Mutigen, die verstärkt auf Täuschungsmanöver vertrauen“, ergänzt der Biologe.

    Konkurrenz macht wählerisch

    Auch stellten die Forscher fest, dass an Konkurrenz gewöhnte Männchen viel wählerischer sind als isoliert lebende Artgenossen. Ein möglicher Grund: Weitgehend isoliert lebende Männchen haben auch weniger Kontakte zu Weibchen und können es sich somit nicht leisten, wählerisch zu sein.

    Warum aber mutige Männchen eher zu Täuschungsmanövern neigen, ist noch weitgehend unerforscht. „Wir vermuten, dass mutigere Männchen generell von den Weibchen stärker als Paarungspartner präferiert werden – sie würden damit ihre auserwählte Fischdame nicht so leicht verlieren, wenn sie sich von ihr wegbewegen“, erklärt David Bierbach. „Sie gehen somit ein für sie gut kalkulierbares Risiko ein, auch wenn sie ein Weibchen aus den Augen lassen.“ Demnach könnten mutigere Männchen von ihren Täuschungsmanövern überproportional profitieren.

    Die Beobachtungen lassen also vermuten, dass solcherlei Täuschungsmanöver bei der Partnerwahl im Tierreich durchaus von Erfolg gekrönt sein können. Gelingt es Männchen, ihre Rivalen auf falsche Fährten zu locken, steigert das ihre Aussichten auf zahlreiche Nachkommen.

    Quellen:

    Bierbach D, Sommer-Trembo C, Hanisch J, Wolf M, Plath M (2015): Personality affects mate choice: bolder males show stronger audience effects under high competition. Behavioral Ecology (online first).

    Bierbach D, Kronmarck C, Hennige–Schulz C, Stadler S, Plath M (2011): Sperm competition risk affects male mate choice copying. Behavioral Ecology and Sociobiology 65:1699-1707.

    Weitere Informationen:

    http://www.igb-berlin.de

  • Der Ocean Sampling Day - auf den Spuren der Mikroorganismen

    Der Ocean Sampling Day - auf den Spuren der Mikroorganismen

    Der Ocean Sampling Day (OSD) geht in die zweite Runde. Zur Sommersonnwende am 21. Juni 2015 ist es wieder soweit: das EU Projekt Micro B3 (Marine Microbial Biodiversity, Bioinformatics, Biotechnology) ruft zur globalen Beprobung des Meeres auf. „Der Enthusiasmus der Forscher und Bürger, die am ersten OSD teilgenommen haben, hat uns so motiviert, dass wir OSD einfach wiederholen mussten“, sagt Frank Oliver Glöckner, Professor für Bioinformatik an der Jacobs University Bremen und Koordinator des Micro B3 Projektes.

    150 Wasserproben von allen Kontinenten, aus subtropischen Gewässern in Hawaii bis zu extremen Orten wie die Framstraße im Nordpolarmeer, haben am Ocean Sampling Day im letzten Jahr den umfassendsten, jemals an einem einzigen Tag genommenen, marinen Datensatz erzeugt. Auch in diesem Jahr werden am 21. Juni wieder weltweit Proben genommen mit dem Ziel die so entstandene Datenbasis zu erweitern.

    Ein Novum in der Erforschung der marinen Mikroorganismen ist dabei das Bürgerwissenschaftsprojekt MyOSD. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, Wasserproben zu nehmen und Umweltdaten zu erfassen und sich somit aktiv am OSD zu beteiligen. Dafür stellt MyOSD kostenlos Ausrüstung zur Probennahme sowie eine Smartphone App zur Verfügung. Mehr als 20 internationale Forschungsstationen koordinieren die Aktion, verteilen die Probe-Sets und schulen die Bürgerwissenschaftler für ihren Einsatz.

    Um die größtmögliche Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, werden alle gesammelten Proben zur DNA Extraktion und Sequenzierung an das Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen geschickt. Sobald erste qualitätsgeprüfte Ergebnisse vorliegen, werden diese umgehend veröffentlicht, so dass jeder mitforschen kann. Die enge Vernetzung von Wissenschaft mit Bürgerinnen und Bürgern ist dabei von unschätzbarem Wert.

    Ziel des Ocean Sampling Days und des Projekts MyOSD ist es, die Vielfalt und die Funktion der im Meer enthaltenen Mikroorganismen zu erforschen, diese zu vergleichen und mittels neuer biotechnologischer Anwendungen zur „Blue Economy“ beizutragen. Der Ocean Sampling Day und MyOSD werden von der Jacobs University Bremen (Deutschland) zusammen mit der Universität Oxford (Großbritannien) koordiniert und sind Teil des von der EU geförderten wissenschaftlichen „Ocean of Tomorrow“ Forschungsprojektes Micro B3.

    Der Koordinator des EU Projektes Micro B3, Prof. Dr. Frank Oliver Glöckner von der Jacobs University Bremen erklärt: „Der OSD 2014 war bereits eine außergewöhnliche Erfahrung. Die länderübergreifende Zusammenarbeit und der Erfahrungsaustausch haben ein neues Kapitel in der Erforschung der Meere eröffnet. Mit den Bürgerwissenschaftlern brechen wir jetzt in eine neue Dimension auf.“

    Die OSD Koordinatorin, Dr. Mesude Bicak von der Universität Oxford ergänzt: „Mehr als 150 Forscherteams aus allen Kontinenten haben im Juni 2014 nach standardisierten Protokollen Wasserproben genommen. Damit ist das OSD Konsortium das derzeit größte marine Netzwerk weltweit. An diesen Erfolg werden wir zusammen mit den Bürgerwissenschaftlern und Bürgerwissenschaftlerinnen anknüpfen!“

    Julia Schnetzer, MyOSD Koordinatorin vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, sagt: „OSD und MyOSD machen es möglich, dass Bürgerinnen- und Bürger zusammen mit Wissenschaftlern die Geheimnisse unserer Ozeane entdecken.“

    Supporting Audio-Visual Material:

    Videos on OSD & MyOSD:
    • OSD Teaser (1 minute): http://youtu.be/FEw5AS1qo-o
    • OSD 2014 Trailer( 1:30 minutes) https://youtu.be/hBGOkB-EImc?list=PLgacjRIHqvMC39eKYdGH0HAM68YszmbuJ___##1##___ • OSD Movie “The Ocean Sampling Day 2014 - a global scientific effort to study our ocean” (9 minutes) : http://youtu.be/yUm7SsSe-cw?list=PLgacjRIHqvMC39eKYdGH0HAM68YszmbuJ
    • Tutorial for citizen scientists (MyOSD, 7:30 minutes): https://youtu.be/Mtmp4Ltr4xo___##1##___ • Video promoting OSD by NOAA (3minutes): http://youtu.be/7whot0vBTUQ
    • Máire Geoghegan-Quinn, Member of the EC in charge of Research, Innovation and Science, and Maria Damanaki, Member of the EC in charge of Maritime Affairs and Fisheries, in a joint press conference presenting the an Action Plan for Innovation in the 'Blue Economy' to help use ocean resources sustainably and drive growth and jobs in Europe: http://ec.europa.eu/avservices/video/player.cfm?ref=I088957&videolang=INT&am...;

    Further material:
    • A map of all stations participating in the OSD: https://mb3is.megx.net/osd-registry/list___##1##___ • Background on OSD: http://www.oceansamplingday.org
    • Background on MyOSD – Initiative for Citizen Scientists : http://www.my-osd.org
    • A map of all MyOSD samples provided with the App: https://mb3is.megx.net/osd-app/samples___##1##___ • MyOSD Dissemination material & guides:
    https://zarafa.mpi-bremen.de/owncloud/public.php?service=files&t=cc452ab3301...

    Anmerkung für Herausgeber:
    Ocean Sampling Day und MyOSD sind Teil des von der EU finanzierten Forschungsprojektes Micro B3, welches von der Jacobs University Bremen koordiniert wird. Eine komplette Liste des Micro B3 Konsortiums finden Sie hier: http://www.microb3.eu/partners/scientific

  • G7-Abschlusserklärung will Meere besser schützen

    G7-Abschlusserklärung will Meere besser schützen

    ...Schutz der Meeresumwelt

    Wir erkennen an, dass Abfälle im Meer, insbesondere Plastikabfälle, eine globale Herausforderung darstellen, von der das Leben und die Ökosysteme im Meer und an den Küsten sowie potenziell auch die menschliche Gesundheit unmittelbar betroffen sind. Es muss daher noch wirksamer und intensiver an der Bekämpfung der Meeresvermüllung gearbeitet werden; das Ziel sollte sein, eine weltweite Bewegung zu begründen. Die G7 bekennt sich zu vorrangigen Maßnahmen und Lösungen zur Bekämpfung der Meeresvermüllung, wie im Annex aufgeführt, und betonen, dass land- und meeresbasierte Quellen, Maßnahmen zur Beseitigung sowie Bildung, Forschung und Kontaktarbeit einbezogen werden müssen.

    Wir, die G7, nehmen das wachsende Interesse am Tiefseebergbau außerhalb der Grenzen nationaler Hoheitsbefugnisse sowie die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zur Kenntnis. Wir rufen die Internationale Meeresbodenbehörde auf, ihre Arbeit an einem unmissverständlichen, wirksamen und transparenten Kodex für nachhaltigen Tiefseebergbau unter frühzeitiger Einbeziehung aller maßgeblichen Akteure fortzusetzen und dabei die Interessen von Entwicklungsländern zu berücksichtigen. Zu den obersten Prioritäten zählen die Schaffung von ordnungspolitischer Sicherheit und Kalkulierbarkeit für Investoren sowie die Verbesserung des effektiven Schutzes der Meeresumwelt vor möglichen schädlichen Auswirkungen des Tiefseebergbaus. Wir bekennen uns zum Vorsorgeansatz im Bereich der Tiefseebergbauarbeiten sowie zur Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen und wissenschaftlicher Forschung.

    G7-Aktionsplan zur Bekämpfung der Meeresvermüllung

    Übergeordnete Grundsätze
    Die G7-Staaten
    • sind entschlossen, als wesentliches Ziel des Aktionsplans die Systeme ihrer Länder zur Vermeidung, Reduzierung und Beseitigung von Abfällen im Meer zu verbessern, was die unten aufgelisteten prioritären Maßnahmen einschließt.
    • erkennen an, dass für die Bekämpfung der Meeresvermüllung die Unterstützung durch internationale Entwicklungszusammenarbeit und Investitionen wichtig ist, und regen diese an.
    • unterstützen die Ausarbeitung und Umsetzung nationaler oder regionaler Aktionspläne zur Verringerung von Abfällen, die in Binnen- und Küstengewässer und somit letztlich ins Meer gelangen, sowie zur Beseitigung des vorhandenen Abfalls.
    • tauschen sich insbesondere mit Entwicklungsländern über bewahrte Verfahren aus und regen ähnliche Aufrufe in anderen internationalen Foren an.
    • erkennen an, dass gegebenenfalls durch die Verwendung bestehender Plattformen und Werkzeuge für die Zusammenarbeit Doppelarbeit verringert wird und erzielte Fortschritte genutzt werden (z. B. durch das Weltaktionsprogramm zum Schutz der Meeresumwelt gegen vom Lande ausgehende Tätigkeiten (GPA), die Globale Partnerschaft zur Bekämpfung von Abfällen im Meer (GPML) und regionale meeresbezogene Übereinkünfte und Aktionspläne), und unterstützen daher ihre Anwendung.
    • fördern Verhaltensänderungen des Einzelnen und von Unternehmen durch Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit im Hinblick auf die Meeresvermüllung.
    • erkennen an, dass die Vorbeugung für den langfristigen Erfolg beim Umgang mit und bei der Bekämpfung von Abfällen im Meer wesentlich ist und dass Industrie und Verbrauchern bei der Reduzierung von Abfällen eine wesentliche Rolle zukommt.
    • erkennen an, dass angesichts der großen Mengen von Abfällen, die bereits die Meeresumwelt belasten, Beseitigungsmaßnahmen von erheblicher Bedeutung sind.
    • treten für die Nutzung eines breiten Spektrums politischer Werkzeuge und vorhandener Instrumten ein, einschließlich wirtschaftlicher Anreize, marktgestützter Instrumente und Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor zur Unterstützung der Umsetzung von Maßnahmen zur wirksamen Bekämpfung der Meeresvermüllung.

    Prioritäre Maßnahmen zur Bekämpfung landbasierter Quellen
    • Verbesserung der nationalen Systeme der Abfallentsorgung, Verringerung der Produktion von Abfällen und Förderung von Wiederverwertung und Recycling;
    • Einbindung der Abfallentsorgung in die internationale Entwicklungszusammenarbeit und die diesbezüglichen Investitionen und gegebenenfalls Unterstützung bei der Umsetzung von Pilotprojekten;
    • Prüfung nachhaltiger und kosteneffizienter Lösungen zur Verringerung und Vermeidung von Abfällen im Zusammenhang mit Abwässern und Niederschlagswasser; dies schließt ein, zu verhindern, dass Kunststoffmikropartikel in die Meeresumwelt gelangen;
    • Förderung einschlägiger Instrumente und Anreize zur Verringerung des Gebrauchs von Einwegprodukten und anderen Gegenständen, die die Meeresumwelt beeinträchtigen;
    • Anregung an die Industrie, nachhaltige Verpackungen zu entwickeln und Inhaltsstoffe aus Produkten zu entfernen, um Umweltvorteile zu erlangen, etwa indem sie freiwillig die Verwendung von Mikropartikeln auslaufen lassen;
    • Förderung vorbildlicher Verfahren innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette der Kunststoffindustrie von der Herstellung bis zum Transport, beispielsweise durch die Zielstellung, keine Plastikpartikel mehr in die Umwelt abzugeben (zero pellet loss);

    Prioritäre Beseitigungsmaßnahmen
    • Feststellung, wo Meeresabfälle besonders vermehrt auftreten, und Erstellung einer Kommunikationsplattform zum Austausch von Erfahrungen mit der Beseitigung von Abfällen an Stränden, Flussufern, vom Meeresboden, aus Zonen innerhalb der Wassersäule und auf der Meeresoberfläche, aus Häfen und Binnenwasserstraßen;
    • Unterstützung der umweltverträglichen Entfernung von Abfällen von Orten, wo sie eine Gefahr für sensible Meeres-Ökosysteme darstellen, wobei sozioökonomische Aspekte einschließlich der Kosteneffizienz zu berücksichtigen und die besten verfügbaren Techniken (BVT) und die beste Umweltpraxis (BUP) anzuwenden sind, wann immer möglich unter Einbindung der Partner;
    • Bewertung und Analyse von Daten über die Beseitigung, mit dem Ziel, Bemühungen zur Verbreitung dieses Wissens, mögliche politische Optionen und andere Möglichkeiten der Abfallvermeidung zu unterstützen und zielgerichteter zu gestalten;
    Prioritäre Maßnahmen zur Bekämpfung meeresbasierter Quellen
    • Bemühung darum, dass möglichst viele Abfälle in Hafenauffangeinrichtungen gelangen und im Einklang mit Anlage V des Internationalen Übereinkommens zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL) ordnungsgemäß entsorgt werden;
    • Ermittlung von Optionen, wie mit vorrangig anfallenden Abfällen aus der Fischereiwirtschaft und der Aquakultur umgegangen werden kann, die zur Meeresvermüllung beitragen könnten, und gegebenenfalls Umsetzung von Pilotprojekten (darunter Entsorgungspläne, freiwillige Übereinkünfte und Entsorgung von Altprodukten nach Ende der Nutzungszeit) und die Einbeziehung des Expertenwissens der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO);
    Prioritäre Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit
    • Förderung von Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, die zu individueller Verhaltensänderung führt, durch die die Menge der Abfälle, die in die Umwelt, in Binnengewässer und Meere gelangt, verringert werden kann;
    • Unterstützung der Initiierung einer harmonisierten weltweiten Überwachung der Abfälle im Meer und der Standardisierung von Methoden, Daten und ihrer Auswertung;
    • Unterstützung der Bemühungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und anderer Organisationen als Beitrag zur Analyse der Quellen, Wege und Wirkungen von Abfällen im Meer; und
    • Unterstützung und Anregung weiterer Forschungsinitiativen, um die Meeresvermüllung anzugehen.

    http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2015/06/2015-06-08-g7-gipfel-abschluss-pk.html

  • Vor G7-Gipfel in Elmau: Deutsche Umwelthilfe fordert Vorreiterrolle Deutschlands beim Meeresschutz

    Vor G7-Gipfel in Elmau: Deutsche Umwelthilfe fordert Vorreiterrolle Deutschlands beim Meeresschutz

    Führende Industrienationen müssen Vermüllung der Ozeane stoppen – Bundeskanzlerin Merkel muss sich für eine konsequentere Abfallvermeidungspolitik zum Schutz der Meere einsetzen – Mehrweg- und Pfandsysteme können die Plastikflut eindämmen

    Berlin, 5.6.2015: Anlässlich des ab Sonntag (7.6.2015) auf Schloss Elmau in Bayern stattfindenden Treffens der sieben wichtigsten Industrienationen fordert die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die Staats- und Regierungschefs auf, die Verschmutzung der Meere zu stoppen. Neben Fragen zur Weltwirtschaft und Außenpolitik steht beim 41. G7-Gipfel die Vermüllung der Ozeane auf der Agenda. Die DUH betont, dass vor allem Deutschland seine eigenen Meere besser schützen und so zum Vorbild für andere Länder werden muss. International notwendig sind nach Auffassung der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation vor allem konkrete Maßnahmen zur Abfallvermeidung sowie eine Strategie gegen die steigenden Stickstoffeinträge in die Gewässer.

    Pro Jahr gelangen rund zehn Millionen Tonnen Müll in die Meere. Drei Viertel der Abfälle im Meer sind Kunststoffe, deren weltweite Produktion sich in den nächsten Jahren verdreifachen dürfte. Die Plastikteile im Meer sammeln sich in riesigen Müllstrudeln und sind für den Tod von jährlich rund einer Million Seevögel und mehr als 100.000 Meerestieren, darunter Delfine und Schildkröten, verantwortlich. Neben den gigantischen Abfallmengen leiden die Meere auch unter Einträgen durch Stickstoff, der als eines der größten Umweltprobleme der Gegenwart gilt und die Gewässer verschmutzt.

    Viele Millionen Tonnen Plastikmüll, der vor allem aus Plastikfolien, -tüten und -flaschen besteht, belasten die Ozeane. Um diese steigende Abfallflut in den Meeren einzudämmen, eignet sich besonders der Aufbau von Mehrwegsystemen für Verpackungen, Abgaben auf Plastiktüten sowie Pfandsystemen für Einwegflaschen.

    „Wir nehmen Bundeskanzlerin Merkel beim Wort, die im Vorfeld des Gipfels angekündigt hat, die Ozeane nicht länger zu den Mülldeponien der Welt verkommen zu lassen. Dass der Schutz dieser Gewässer auf einem G7-Gipfel behandelt wird, war angesichts der zunehmenden Vermüllung durch Plastik längst überfällig“, erklärt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch und fordert Bundeskanzlerin Merkel auf, für eine internationale Umsetzung des deutschen Einwegpfandes zu werben, um die Vermüllung der Meere mit Milliarden von Plastiktüten schnell, einfach und effizient zu verringern.

    Die derzeitige Überarbeitung der europäischen Richtlinien zur Abfallpolitik bietet nach Auffassung der DUH erhebliche Chancen, um Vermeidung, Erfassung und Recycling von Abfällen zu verbessern. EU-Kommissionspräsident Juncker hat nach massiven Protesten der Mitgliedstaaten gegen seine Blockade des Kreislaufwirtschaftspakets für den Herbst einen überarbeiteten Vorschlag angekündigt. „Frau Merkel muss sich für ein ambitioniertes EU-Kreislaufwirtschaftspaket einsetzen und dafür die G7-Mitglieder Frankreich, Italien und Großbritannien gewinnen“, so Resch weiter.

    DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner betont, dass die Bundesregierung neben ihrer internationalen Initiative den Meeresschutz vor der eigenen Haustür nicht vergessen darf. „Noch immer gibt es in Deutschland für fast alle Meeresschutzgebiete keine konkreten Beschränkungen für die Fischerei. Und die Düngemittel-Einträge aus der Intensivlandwirtschaft sorgen über unsere Flüsse für eine gefährliche Nährstoffanreicherung in Nord- und Ostsee. Deshalb fordern wir eine nationale Stickstoffstrategie, die auch Vorbild für die anderen Industriestaaten sein kann.“

    Unter http://l.duh.de/p050615 finden Sie Grafiken zur Vermüllung der Meere durch Plastik.

    Hintergrund:

    Die am häufigsten im Meer vorkommenden Plastikabfälle sind Plastikflaschen und -tüten. Die seit 2003 in Deutschland geltende Pfandpflicht für Einweg-Plastikflaschen und Dosen hat dazu geführt, dass jährlich rund zwei Milliarden Getränkeverpackungen nicht mehr in der Umwelt entsorgt, sondern fast ausnahmslos (98,5 Prozent Rücknahmequote) zurückgegeben werden. Die beste Wahl ist aus ökologischen Gesichtspunkten nach wie vor der Griff zur wiederbefüllbaren Mehrwegflasche. In Deutschland gehen pro Jahr mehr als 6 Milliarden Plastiktüten über die Ladentheke. Irland hat 2002 als erster EU-Mitgliedsstaat eine Abgabe auf Plastiktüten eingeführt und den Pro-Kopf-Verbrauch von 328 auf heute nur noch 16 Stück reduziert. Neben Plastikabfällen sind auch Stickstoffeinträge in Gewässer inzwischen zu einem globalen Problem geworden. Weltweit ist die Grenze der ökologischen Tragfähigkeit für Stickstoff bereits überschritten. Stickstoffüberschüsse verschmutzen die Luft, schaden der Gesundheit, verunreinigen das Wasser, tragen zum Verlust der Biodiversität bei und sind mit verantwortlich für den Klimawandel. Vor allem der Agrar- und Verkehrssektor sowie alte Kohlekraftwerke sind für hohe Stickstoffemissionen verantwortlich.

    DUH im Internet: www.duh.de, Twitter: https://twitter.com/Umwelthilfe

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